Vom Freiwilligen zum Visionär: Wie ein junger Katholik aus den Philippinen mit KAICIID die interreligiöse Landschaft Südostasiens neu gestaltet
Von einem ehrenamtlichen Dialogvermittler in Bangkok zum Organisator eines regionalen Jugendnetzwerks – Kenny Lloyd Lucina Angon zeigt, was passiert, wenn KAICIIDs Mandat auf eine Persönlichkeit trifft, die Dialog in konkrete Veränderungen umsetzt.
Kenny Lloyd Lucina Angon
Eine persönliche Mission inmitten komplexer Verhältnisse
Kenny Lloyd Lucina Angons Werdegang ist alles andere als geradlinig. Er ist römisch-katholisch, entstammt den indigenen Mandaya und arbeitet an einem islamischen Institut innerhalb einer katholischen und jesuitischen Universität. Diese intersektionale Identität macht den Dialog weniger zu einem theoretischen Konzept als vielmehr zu einer täglichen Praxis.
„Mein Glaube und meine kulturellen Wurzeln sind in alles, was ich tue, eingebunden. Der Dialog ist kein Projekt – er ist meine berufliche und persönliche Realität.“
Kenny erinnert sich an den Moment, als er zum ersten Mal mit KAICIID in Berührung kam. Es war im Jahr 2018, er war noch ein junger Pädagoge, der neben seiner Vollzeitstelle als Lehrer ehrenamtlich in Mindanao tätig war. Was seine Aufmerksamkeit erregte, war ein Gespräch mit seinem langjährigen Mentor Datu Mussolini Sinsuat Lidasan, einem KAICIID Fellow des Jahres 2016 und heutigen Kollegen am Al Qalam-Institut für islamische Identitäten und Dialog in Südostasien. Dieses Gespräch löste etwas aus, womit keiner der beiden gerechnet hatte. Heute ist Kenny kein ehrenamtlicher Helfer mehr, der nur am Rande mitwirkt.
Durch KAICIID vertiefte Kenny sein Verständnis für Glaubensrichtungen, denen er in seiner eigenen Gemeinschaft selten begegnet war. Besuche in Tempeln und Kirchen, der Austausch mit buddhistischen Mönchen und hinduistischen Gelehrten sowie interreligiöse Programme haben ihm geholfen, eine umfassendere, integrativere Vision der Friedensförderung zu entwickeln, die über die Dreierkonstellation aus christlichen, muslimischen und indigenen Gemeinschaften in Mindanao hinausgeht.
Kenny mit KAICIID Fellow Venerable Napan Thawornbanjob von der IBHAP Foundation in Bangkok
Heute treibt er als stellvertretender Leiter des Al Qalam-Instituts an der Ateneo de Davao University die interreligiöse und interkulturelle Dialogarbeit auf den Philippinen voran, insbesondere in Mindanao. Dank der institutionellen Unterstützung durch KAICIID hat er sich zu einer regionalen Kraft hinter einer neuen Generation von Friedensstifterinnen und -stiftern entwickelt.
Von Bangkok nach Davao: Aufbau einer nachhaltigen Jugendplattform
Gruppenfoto während der Dialogue Cities Southeast Asia Conference 2023 in Bangkok
An der ersten Dialogue Cities Southeast Asia Conference im Jahr 2023 nahm Kenny nicht als Beobachter teil, sondern als Co-Moderator der Jugend-Themengruppe und Koordinator des Kulturabends. Verantwortung zu übernehmen ebnete ihm den Weg zur Führungsrolle.
Aus dieser Konferenz ging eine Plattform für die Zusammenarbeit junger Menschen hervor. Southeast Asian Youth for Humanity (SEAY4H) verbindet mit Unterstützung von KAICIID junge Menschen in ganz Südostasien, um den interreligiösen und interkulturellen Dialog zu praktizieren und in konkrete Projekte in ihrer Gemeinschaft umzusetzen. Das Netzwerk wählte Kenny zu seinem Vorsitzenden.
Kenny mit anderen Organisatoren von SALAAMindanao and Beyond und SEAY4H-Delegierten aus verschiedenen ASEAN-Ländern
Unter seiner Führung hat SEAY4H seine Präsenz rasch ausgebaut. In etwas mehr als zwei Jahren hat es über 100 Jugendliche aus Brunei, Kambodscha, Indonesien, Malaysia, Myanmar, den Philippinen und Thailand zusammengebracht. Es hat sich diplomatischen Vertretungen vorgestellt, Partnerschaften mit den wissenschaftlichen Einrichtungen Ateneo de Davao University und Samal Island City College auf den Philippinen geschlossen, mit renommierten lokalen zivilgesellschaftlichen Organisationen wie dem GUSDUrian Network Indonesia in Yogyakarta, Indonesien, und dem Institute of Buddhist Management for Happiness and Peace Foundation (IBHAP) in Bangkok, Thailand, zusammengearbeitet und über das Netzwerk Dialogue Cities Southeast Asia Friedensarbeit an der Basis geleistet. Diese Aktivitäten sind struktureller Natur und stehen im Zusammenhang mit Veränderungen in der Regierungsführung, regionalen Ökosystemen für interreligiösen und interkulturellen Dialog sowie der umfassenderen Programmstrategie von KAICIID für die Region Asien.
Kenny mit Vertretern von GUSDUR
Im Jahr 2024 wurde die Partnerschaft weiter ausgebaut. Die Ateneo de Davao University organisierte über das Al Qalam-Institut gemeinsam mit KAICIID die zweite Dialogue Cities Southeast Asia Conference in Davao City. Die Wahl des Veranstaltungsortes spiegelt eine bewusste Strategie wider. KAICIID bringt programmatische Ressourcen an Orte, an denen Zusammenhalt und Konflikte zum Alltag gehören. In Mindanao ist dies gelebte Realität. Durch die gemeinsame Veranstaltung in Davao wurden Sichtbarkeit und Entscheidungsfindung näher an die direkt betroffenen Gemeinschaften herangebracht.
Vertreterinnen und Vertreter von KAICIID und Al Qalam bei der 2. Dialogue Cities-Konferenz
Ende 2025 leitete Kenny SALAAMindanao and Beyond 2025, eine praxisorientierte Gemeinschaft, die junge Menschen aus sieben ASEAN-Ländern zusammenbrachte und ausbildete. Außerdem wurde das Netzwerk um Brunei Darussalam und Kambodscha erweitert. Das Konzept war klar: Jugendliche Führungskräfte, religiöse Persönlichkeiten und lokale Behördenvertreter an einen Tisch bringen und den Fokus auf Praktiken legen, die auch nach Abschluss der Veranstaltungen fortgesetzt werden. Kurz darauf brachte er die Perspektive der Jugend in die gemeinsame Schulung von KAICIID und dem ASEAN-Institut für Frieden und Versöhnung für regionale Amtsträger ein, in deren Rahmen Dialoge in politische Rahmenbedingungen umgesetzt werden.
Gruppenfoto anlässlich von SALAAMindanao and Beyond 2025
All dies wäre nicht möglich gewesen ohne KAICIIDs Bereitschaft, ihm zu vertrauen, obwohl er lediglich „der Jüngste im Raum“ war, so Kenny.
„Das Vertrauen und die Zuversicht, die mir das KAICIID-Programmteam für die Region Asien entgegenbrachte, haben mein Leben verändert. Ich wurde herausgefordert, eine Führungsrolle zu übernehmen, und inspiriert, mich weiterzuentwickeln“, erinnert sich Kenny.
Über den Konferenzsaal hinaus: Auswirkungen an der Basis mit regionaler Reichweite
Durch SEAY4H und das Netzwerk „Dialogue Cities Southeast Asia“ haben Kenny und seine Kollegen mehr als nur Gespräche ins Leben gerufen. Sie haben Wege für grenzüberschreitende Zusammenarbeit geschaffen, lokale Regierungen eingebunden und Plattformen aufgebaut, auf denen Jugendliche, religiöse Führungspersönlichkeiten und Interessengruppen aus der Gemeinschaft gemeinsam Politik gestalten. Außerdem haben sie den Dialog an die heutigen Realitäten angepasst, sei es durch die Auseinandersetzung mit dem Trend zur „nicht-religiösen“ Identität der Generation Z, durch die Bekämpfung von Desinformation oder durch die Erforschung der Schnittstellen zwischen Glauben und Klimaschutz.
Workshop zu gemeinschaftlichen Klimaschutzmaßnahmen
Aktuelle Beispiele verdeutlichen diese Bandbreite. Das Treffen zu gemeinschaftlichen Klimaschutzmaßnahmen in Bangkok zeigte, wie der interreligiöse Dialog die religiös motivierte Umweltpolitik unterstützt. Von Jugendlichen geleitete Initiativen zur psychischen Gesundheit in Malaysia bewiesen, dass Dialogmethoden über die Konfliktprävention hinaus Anwendung finden. Kulturell begründete Besichtigungen vor Ort, wie Kennys Besuch der Sacred Heart of Jesus Church (Ganjuran Church) in Yogyakarta, Indonesien, veranschaulichten, wie die lokale Kultur die religiöse Identität vertiefen kann, anstatt sie zu verwässern – ein Prinzip, das auch die Universitätskapelle in Davao durch die Integration der Ästhetik der Moro und der indigenen Bevölkerung verkörpert.
Die Herausforderungen bleiben bestehen. In Mindanao ist die Zusammenarbeit mit kleineren Religionsgemeinschaften wie Buddhisten und Hindus nach wie vor begrenzt. Bürokratische Prozesse verlangsamen die Integrationsbemühungen, und das Engagement junger Menschen schwankt mit ihren persönlichen Prioritäten. Dennoch würdigt Kenny das Modell der lokalen Partnerschaften von KAICIID, das Programme außerhalb der Hauptstädte durchführt und durch vertrauenswürdige Netzwerke in Glaubwürdigkeit investiert, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen.
„Die langfristigen Auswirkungen, die wir beobachten, zeigen sich nicht nur in den Programmen. Sie zeigen sich auch in einem Wandel der Denkweise. Die lokalen Behörden beginnen, den interreligiösen und interkulturellen Dialog nicht mehr als optional, sondern als grundlegend anzusehen.“
Was sich vor Ort verändert
Kenny bewertet die Auswirkung von KAICIIDs Arbeit eher pragmatisch als performativ. Er räumt ein, dass langfristige Veränderungen eine vielschichtige, konsequente Anstrengung erfordern. Dennoch sind die Veränderungen messbar:
Institutionelle Übernahme: Der Dialog ist nun fester Bestandteil der Veränderungsstrategie von Al Qalam und fließt in lokale Beratungskonzepte für die Ausarbeitung politischer Strategien in Mindanao ein.
Strategische Beteiligung von Jugendlichen: Durch SEAY4H positioniert KAICIID Jugendliche nicht als Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sondern als Organisatorinnen und Einberufer sowie Projektentwicklerinnen, die mit Finanzmitteln und strukturierten Folgemaßnahmen unterstützt werden.
Kenny mit jungen Führungskräften aus Indonesien, Malaysia und den Philippinen, die von KAICIID und SEAY4H unterstützte Initiativen umgesetzt haben
Regionsübergreifendes Lernen: Die Zusammenarbeit erstreckt sich über Indonesien, Malaysia, Thailand und die Philippinen, wobei die Netzwerke voneinander lernen, von religiösen Klimaschutzmaßnahmen in Bangkok bis hin zur Förderung der psychischen Gesundheit in Kuala Lumpur.
Politischer Einfluss: SEAY4H hat sich gegenüber ASEAN-Institutionen und regionalen Missionen präsentiert und damit den Einfluss von KAICIID über zivilgesellschaftliche Netzwerke hinaus auf den diplomatischen Diskurs ausgeweitet.
Kenny mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ASEAN Foundation
Die Herausforderungen sind nach wie vor real, und Kenny benennt sie direkt. Kleinere buddhistische, hinduistische und sikhistische Gemeinschaften in Mindanao sehen sich Hürden für ihr Engagement gegenüberstehen. Institutionelle Dynamiken können inklusive Einladungen verzögern. Das Engagement junger Menschen lässt nach Veranstaltungen nach, da die Teilnehmenden zu ihrem Studium, ihrer Arbeit und ihren familiären Verpflichtungen zurückkehren.
Das Konzept von KAICIID geht auf diese Einschränkungen ein. Durch Investitionen in Mentoring, regionale Vernetzung und institutionelle Partnerschaften können Netzwerke wie SEAY4H über den Einfluss einzelner Führungskräfte hinauswachsen. Das Dialogzentrum organisiert wichtige Aktivitäten außerhalb der Hauptstädte, bringt aufstrebende Führungskräfte mit Fellows zusammen, die ihnen Türen öffnen und ihnen Orientierung geben, und verknüpft Schulungen innerhalb bestehender Netzwerke. Jede Maßnahme – Cerita Kita in Indonesien, Collaborative Climate Action in Thailand, SALAAMindanao and Beyond auf den Philippinen – stärkt das Gesamtgefüge, anstatt es in einzelne Teile zu zerlegen.
Kenny mit weiteren philippinischen KAICIID Fellows im Rahmen ihrer Präsentation.
Kenny ist nicht mehr nur Teilnehmer. Seine Auswahl für die KAICIID Fellows-Gruppe 2026 mit Schwerpunkt auf jungen Menschen signalisiert das langfristige Engagement des Dialogzentrums für seine stärksten lokalen Kooperationspartner.
Eine Botschaft an die weltweit führenden Politiker: Dialog ist strategische Infrastruktur
Kennys Botschaft an politische Entscheidungsträgerinnen, Geldgeber und Institutionen ist eindeutig:
„Investieren Sie in junge Menschen, nicht als Begünstigte, sondern als Mitgestalter. Fördern Sie Ökosysteme, nicht nur Veranstaltungen. Unterstützen Sie Netzwerke über die Hauptstädte hinaus. Verstehen Sie vor allem, dass der interreligiöse und interkulturelle Dialog kein Soft Skill ist – er ist eine Überlebensstrategie in einer Region, die mit Klimakrise, algorithmischer Radikalisierung und tiefgreifender sozialer Spaltung konfrontiert ist.“
Seine Empfehlungen sind konkret und basieren auf praktischen Erfahrungen. Die rechtliche Identität von Netzwerken soll finanziert werden, damit die Arbeit auch bei Personalwechseln und nach Wahlen fortgesetzt werden kann. Der regionenübergreifende Wissensaustausch soll aufrechterhalten werden, damit lokale Lösungen zwischen den Ländern übertragen werden können. Mentoring-Strukturen sollen geschützt werden, da hier aus Fähigkeiten Führungsqualitäten entstehen. Diese Appelle stehen in direktem Einklang mit der Mission von KAICIID, den interreligiösen und interkulturellen Dialog zu fördern, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken.
Gruppenfoto während des SEAY4H-Workshops für strategische Planung
Mit Blick auf die Zukunft sieht Kenny SEAY4H als rechtlich anerkannte regionale Einrichtung. Er hofft, dass KAICIID in der gesamten Region Standorte einrichten wird, die in vertrauenswürdigen Institutionen verankert sind und eine Brücke zwischen den Gemeinschaften und den globalen Programmen des Dialogzentrums schlagen.
„Es geht nicht darum, Programme zu skalieren. Es geht darum, Bewegungen aufrechtzuerhalten“, sagt er.
Angesichts der zunehmenden Polarisierung, der Risiken des Klimawandels und der digitalen Transformation ist Kenny davon überzeugt, dass der interreligiöse und interkulturelle Dialog über das Nischen-Dasein hinausgeht und eine Überlebensstrategie darstellt.
„Beim Dialog geht es nicht nur darum, Konflikte zu reduzieren. Es geht darum, unsere Gemeinschaften auf die Zukunft vorzubereiten. Und diese Zukunft muss junge Menschen nicht nur als Teilnehmer, sondern als Mitgestalter der nächsten Generation einbeziehen.“
Gruppenfoto mit SEAY4H und KAICIID-Partnern
„Gemeinschaften leiden nicht nur unter den Auswirkungen der Wut gebrochener…
Friedensförderung benötigt heute mehr als nur technische Lösungen; sie erfordert eine inklusive,…
