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Religiöse Akteurinnen und Akteure verhindern Nahrungsmittelverluste in Ruanda

15 Dezember 2022

Mit einer wachsenden Bevölkerung von 12 Millionen Menschen ist Ruanda – ein kleines Binnenland in Ostafrika – eines der am dichtesten besiedelten Länder auf dem afrikanischen Kontinent.

Seit dem Völkermord im Jahr 1994 hat Ruanda bemerkenswerte Fortschritte bei der Armutsbekämpfung gemacht, Maßnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter ergriffen und Entwicklungen in den Bereichen ökologische Nachhaltigkeit, Nahrungsmittelproduktion, Bildung und öffentliche Gesundheit erzielt.

Dennoch leben nach Angaben des Welternährungsprogramms weiterhin 38,2 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze und fast ein Fünftel der Bevölkerung ist von Nahrungsmittelknappheit betroffen.

In Anbetracht dieser Chancen und Herausforderungen starten KAICIID und das Weltressourceninstitut (World Resources Institute, WRI) ein gemeinsames Projekt, um zu untersuchen, wie religiöse Organisationen sowie religiöse Führerinnen und Führer die Ernährungssicherheit fördern und Nahrungsmittelverluste in Ruanda bekämpfen können.

Unterernährung, Hunger und Lebensmittelverschwendung gehören zu den größten Herausforderungen, denen sich afrikanische Länder wie Ruanda stellen müssen.

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Hunderte Millionen Menschen hungern nach wie vor, die Landwirtschaft beansprucht fast die Hälfte der weltweiten Anbauflächen, und die Nahrungsmittelproduktion verursacht ein Viertel der weltweiten Treibhausgasemissionen. Außerdem gehen jedes Jahr schätzungsweise 2,5 Milliarden Tonnen Lebensmittel verloren oder werden verschwendet.

Mit einem vielschichtigen, umfassenden Ansatz die Ernährungssicherheit in Afrika stärken

Verschärft werden diese Probleme durch die sich verschlimmernden Folgen des Klimawandels, der sich bereits jetzt auf die Landwirtschaft auswirkt, die Erträge verringert und die nationalen und globalen Nahrungsmittelsysteme bedroht – vor allem in so genannten Klima-Hotspots wie Ostafrika. Diese Tendenzen werden sich voraussichtlich noch verstärken.

Die Afrikanische Union hat das Jahr 2022 zum Jahr der Ernährung erklärt, das unter dem Motto „Stärkung der Widerstandsfähigkeit in den Bereichen Ernährung und Lebensmittelsicherheit auf dem afrikanischen Kontinent“ steht.

KAICIID und WRI sind sich der Komplexität der Lebensmittel- und Ernährungsproblematik bewusst und verfolgen einen vielschichtigen Ansatz, der verschiedene Interessengruppen in den Prozess einbezieht.

Neben der Versorgung mit Nahrungsmitteln durch ihre eigenen Einrichtungen und Hilfsorganisationen umfasst das Projekt auch die Förderung vielversprechender landwirtschaftlicher Praktiken – einschließlich der Reaktivierung von landwirtschaftlich genutzten Flächen, die Förderung kultureller und gesellschaftlicher Veränderungen bei ihren Anhängern im Sinne nachhaltiger Vorgehensweisen und die Erleichterung des interreligiösen Dialogs zur Friedensschaffung und Versöhnung.

Ein entscheidender Bereich für die Bekämpfung von Unterernährung und Hunger ist die Verringerung der Menge an Lebensmitteln, die in der Lieferkette verloren gehen oder von den Konsumenten verschwendet werden.

Die Weltbank schätzt, dass Ruanda jedes Jahr 40 Prozent der produzierten Nahrungsmittel einbüßt oder verschwendet. Dies entspricht 21 Prozent der gesamten Landnutzung, 16 Prozent der Treibhausgasemissionen und einem Verlust von 12 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts Ruandas. In einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2021 über Nahrungsmittelverschwendung heißt es außerdem, dass die Pro-Kopf-Verschwendung von Nahrungsmitteln in den Haushalten von Ländern mit hohem und niedrigem Einkommen weitgehend gleich ist. Das zeigt, wie wichtig es ist, in Ruanda sowohl gegen Nahrungsmittelverluste als auch gegen deren Verschwendung vorzugehen.

Agustín Nuñez, leitender Programm-Manager bei KAICIID, erklärt, dass die Vermeidung von Nahrungsmittelabfällen bei der Lagerung oder im Haushalt eine der einfachen, aber bedeutenden Möglichkeiten ist, mit denen Einzelne, Familien und Gemeinschaften unmittelbar Einfluss auf Hunger, Ernährung und Umweltprobleme nehmen können.

Nuñez: „Dass religiöse Akteurinnen und Akteure Verhaltensänderungen bewirken können, wird oft unterschätzt“

Agustín Nuñez zufolge besteht das Hauptziel des Projekts darin, den Mehrwert der Zusammenarbeit mit religiösen Akteurinnen und Akteuren bei der Verhinderung von Lebensmittelverlusten zu verstehen, da sie in ihren jeweiligen Glaubensgemeinschaften einen guten Zugang zu den Menschen haben und diese ihnen vertrauen.

„Darüber hinaus gibt es die spannende Möglichkeit, einen evidenzbasierten Ansatz zu entwickeln, um zu verstehen, wie religiöse Persönlichkeiten Verhaltensänderungen bewirken können. Dieser Ansatz kann auf jedes spezifische Thema angewandt werden“, so Nuñez.

Das Projekt ist das erste seiner Art, das diesen Forschungsansatz verfolgt.

Religiöse Führer in Afrika haben erheblichen Einfluss auf die tägliche Lebensmittelversorgung und die Landwirtschaft. Sie haben sich bereits in der Vergangenheit für die Ernährung eingesetzt, indem sie Praktiken wie das Stillen gefördert haben. Religiöse Autoritäten haben zum Beispiel entscheidend dazu beigetragen, dass junge Mütter ihre Kinder stillen und so die Ernährung der Neugeborenen insgesamt verbessern.

Da Konflikte in Afrika nach wie vor eine der wichtigsten Ursachen für Hunger und Unterernährung sind, spielen religiöse Führerinnen und Führer eine wichtige Rolle bei der Förderung des Dialogs und in der Friedensvermittlung. Sie tragen damit zur Ernährungssicherheit und zur Verringerung der Ressourcenknappheit bei – zwei der Faktoren, die häufig zu Konflikten führen.

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Nuñez hofft, dass dieses Projekt solche Probleme aufgreift und der Bevölkerung Ruandas einfache und kostengünstige Möglichkeiten bietet, Abfälle zu reduzieren und die Ernährungssicherheit zu verbessern.

Religiöse Gruppen engagieren sich bereits auf verschiedene Weise für das soziale und ökologische Wohlergehen in der Region. Eine Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2008 ergab, dass 82 Prozent der Menschen in Afrika südlich der Sahara religiösen Organisationen mehr Vertrauen entgegenbringen als anderen gesellschaftlichen Institutionen.

„Aufgrund des ihnen gewährten Zugangs und Vertrauens sind religiöse Organisationen besonders gut in der Lage, sich in ihren Gemeinden für eine Vielzahl von wichtigen Themen einzusetzen“, so Nuñez. 

Wangu: „Religiöse Organisationen können wesentlich zur Veränderung der Lebensmittelversorgung beitragen“

Auf Grundlage der gesammelten Daten wird der Abschlussbericht diverse Vorschläge enthalten. Dabei handelt es sich um Maßnahmen, mit denen die Kompetenzen der religiösen Akteurinnen und Akteure gestärkt werden sollen, um die Ernährungssicherheit zu erhöhen. Darüber hinaus werden Methoden vorgestellt, mit denen die Afrikanische Union, ihre Mitgliedsstaaten und die internationale Gemeinschaft besser mit religiösen Organisationen zu ernährungsbezogenen Themen zusammenarbeiten können.

James Wangu, Experte für die Transformation von Ernährungssystemen beim Weltressourceninstitut Afrika, betont, dass die unsichere Lebensmittel- und Ernährungslage nach wie vor eine der größten Herausforderungen für die Bevölkerung in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara darstellt.

„Es ist bekannt, dass religiöse Organisationen in diesen Gemeinschaften stark vertreten sind, wo sie nicht nur eine spirituelle, sondern auch eine entwicklungspolitische Rolle spielen. Sie helfen nämlich den Menschen, soziales und wirtschaftliches Kapital aufzubauen. In Ruanda können sie eine maßgebliche Rolle bei der Umgestaltung der lokalen Ernährungssysteme spielen. Dies gilt insbesondere für Unterstützung bei der Einführung und Umsetzung des Systems der Kreislaufwirtschaft, das als Schlüssel zur Bekämpfung von Hunger und Unterernährung gilt“, argumentiert Wangu.

Die Fokussierung auf Nahrungsmittel ist eine der Maßnahmen, mit denen KAICIID versucht, Umweltprobleme auf breiter Ebene zu lösen.

Laut Davide Capecchi, Direktor von KAICIIDs Programmabteilung, schreitet die Zerstörung der Umwelt immer weiter voran. „Wir bei KAICIID wissen um die wichtige Rolle und das enorme Potenzial, das religiöse Führerinnen und Führer bei der Bewältigung dieser Krise haben.“ Er ergänzt: „KAICIID und seine Partner vor Ort freuen sich darauf, im kommenden Jahr eine Vielzahl von religiösen, staatlichen, privatwirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren in diese Forschung einzubeziehen.“