17 Dez 2015

Dr. Mohammad Sammak

Bevor wir die Fragen: Was können Muslime von Nostra Aetate lernen, beantworten, oder versuchen zu beantworten, ist es hilfreich zwei einleitende Fragen zu stellen:

  • Was ist verkehrt an – und in – der muslimischen Welt, dass sie von anderen lernen könnte?
  • Was können Muslime von der Nostra Aetate lernen?

Die zwei Fragen sind miteinander verbunden:

Auf der einen Seite leben ein Dritte der 1,6 Milliarden Muslime, also ungefähr 600 Millionen von ihnen, in Ländern, in denen der Islam nicht die Mehrheitsreligion ist. Auf der anderen Seite leben 2,2 Milliarden Christen in der dritten Welt (Afrika und Asien) in Ländern, in denen der Islam die Mehrheitsreligion ist. Diese physische Vernetzung impliziert bereits die Notwendigkeit einer gegenseitigen Anerkennung, Respekts und Kooperation der Religionsgruppen. Die wichtigste Grundlage dafür ist gegenseitiges Verständnis. Nostra Aetate ist eine gute Quelle für ein gegenseitiges Verständnis, wie ich später noch zeigen werde.

Um ehrlich zu sein, ich muss gestehen: Ja, es ist etwas verkehrt in der muslimischen Welt.

Diese Welt ist sehr reich an natürlichen Ressourcen, dennoch sind ihre Bewohner sehr arm und ihre Zukunft ungewiss.

The größte Gruppe der Flüchtlinge und Verdrängten weltweit sind Muslime.

 

Spannungen zwischen den verschiedenen muslimischen Konfessionsgruppen (Sunniten & Schiiten) und zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sind hoch.

  • Muslime und Hindus in Indien und Sri Lanka.
  • Muslime und Buddhisten in China, Thailand und Myanmar.
  • Muslims und orthodoxe Christen in Russland.
  • Muslime und katholische Christen in Europa.
  • Muslime und evangelische Christen in den U.S.A.
  • Muslime und Juden und Israel und darüber hinaus.
  • Muslime und andere Religionsgruppen (insbesondere die Jesiden im Irak).

All diese negativen Aspekte erfordern eine mutige Auseinandersetzung und Bewertung der aktuellen Situation in der muslimischen Welt. Der Prozess der Auseinandersetzung benötigt zu aller erst die Anerkennung, sogar das Geständnis, dass es ein großes Problem gibt. Dass es ist wahr ist, dass Andere für dieses Problem verantwortlich sind, sondern Muslime selbst dafür verantwortlich sind. Dass es nicht hilfreich ist, Selbstkritik zu vermeiden und Schutz unter einer „Auslandsverschwörungstheorie gegen den Islam“ zu suchen. Sondern zu aller erst uns selbst, als Muslime, dafür verantwortlich zu machen.

Wir, Muslime, müssen zugeben, dass wir einem realem und existenziellem Problem ins Auge sehen. Die richtige Definition dieses Problems (oder jedes anderen Problems) ist bereits die Hälfte zur Lösung des Problems, wie schon der englische Soziologe W. Hacksly [PB1] vor Jahrzehnten erkannte.

Nun stellt sich die Frage, wer die legitime Autorität hat, um das Problem zu definieren? Und wer hat die Weißheit, eine Lösung zu skizzieren? Und wer hat die Courage anzuerkennen, dass Muslime von anderen konstruktiven Erfahrungen wie der Nostra Aetate lernen sollten?

Bevor ich darüber sprechen möchte, was und wie wir von der Nostra Aetate lernen können, lassen Sie mich eine kurze Geschichte über einen großen Mann erzählen, der Geschichte geschrieben hat. Sein Name ist Angelo Roncali. Angelo war ein Soldat in der italienischen Armee während des zweiten Weltkrieges. Auf dem Schlachtfeld sah er wie Millionen durch alle erdenklichen Methoden getötet wurden, sogar durch Giftgas. Er war schockiert und wurde krank. Nach dem Krieg wurde er Geistlicher der katholischen Kirche und sichte durch spirituelle Zuflucht. Er wurde Botschafter des Vatikans, zunächst in Griechenland, dann in Bulgarieren. Dort lernte er das orthodoxe Christentum kennen. Dann ging er nach Ankara, wo er Muslime kennenlernte. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde er Bischof und Botschafter des Vatikan in Frankreich, wo Kommunismus, Säkularismus und linke Bewegungen, zu dieser Zeit besonders dominant waren.

Am 28. Oktober 1958 wurde Angelo Roncali zum Papst gewählt. Er bekam den Name Johannes XXIII. Papst Johannes XXIII brachte in seine Amtszeit seine Erfahrungen und Erlebnisse aus dem Krieg und Friedenszeiten ein. Am 25. Januar 1959 [PB2] hielt er als erster Papst in der Geschichte des Vatikans eine direkte Rede an die Vereinten Nationen. Er sagte:

Frieden auf Erden sei ein Objekt tiefer Begierde der Menschheit.

Er besann sich in seiner Nachricht auf vier Prinzipien, um Friede für die Menschheit zu erreichen: Wahrheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit.

Zu dieser Zeit betrachtete die katholische Kirche Kommunismus als anti-christlich (Papst Pius XII). Doch Papst Johannes XXIII vermittelte in der Kubakrise, mittels eines Briefes zwischen dem katholischen John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow.[PB3] 

Das ist die kurze Geschichte des Papstes der das zweite vatikanische Konzil einberief, aber zwei Jahre vor dessen Abschluss verstarb. Das zweite vatikanische Konzil, an dem 2450 Bischofe aus der ganzen Welt teilnahmen, gipfelte am 18. Dezember 1965 in der Nostra Aetate.

Nostra Aetate markierte eine Abkehr der römisch-katholischen Kirche von ihrem bisherigen Gesetze und Ansprüchen gegen die Bischofe von Konstantinopel, welche 1054 zu der großen Spaltung zwischen den beiden Kirchen in Rom und Istanbul geführt hatten.

Nostra Aetate söhnte die katholische Kirche mit der evangelischen und orthodoxen Kirche wieder aus und öffnete den ökumenischen Dialog.

Nostra Aetate öffnete die Türen der katholischen Kirche für die säkularen Christen und lud sie ein, an den Aktivitäten der Kirche teilzunehmen. Jetzt öffnet Papst Franziskus noch mehr Türen.

Nostra Aetate nahm das Urteil zurück, dass alle Juden bis zum Ende der Zeit für die Kreuzigung Jesus verurteilte.

Nostra Aetate stellte fest, dass Muslime an einem Gott glauben und dass Muslime Jesus und seine Mutter die Jungfrau Maria respektieren. Dass auch wenn Sie Jesus nicht als Gottes Sohn sehen, an Ihn als Propheten glauben. Und dass Muslime an den Tag glauben, an dem Gott über alle Menschen richten wird. Dass sie Gott verehren durch Gebete, Spende und Fasten.

Nach dem zweiten Vatikanischen Konzil und auf der Basis dieser neuen christlichen Prinzipien, die durch die Nostra Aetate verkündet wurden, sprach Papst Johannes XI, Johannes Paul II und Benedikt XVI von Muslimen als Brüder.

Das sind die Lektionen aus Nostra Aetate, von denen Muslime im 21. Jahrhundert lernen müssen.

Aber wir können nichts lernen, wenn wir nicht realisieren, dass wir etwas lernen müssen. Und wir können nicht realisieren, dass wir etwas lernen müssen, wenn wir nicht erkennen, das wir manchmal falsch liegen. Und wir können kein Gefühl dafür haben, was falsch ist, wenn wir nicht mutig genug sind, Selbstkritik zu üben. Nach dieser Selbstkritik sollten wir ganz besonders mutig sein zuzugeben, dass wir von anderen Erfahrungen lernen müssen, insbesondere, wenn dieser Andere ein Außenseiter unseres spirituellen Systems ist.

Bevor ich darüber sprechen möchte, wie wir lernen können, lassen Sie mich folgenden Punkt unterstreichen:

Im Gegensatz zu den Handlungen von Extremisten wie dem IS im mittleren Osten, werden Christen im Koran als Gläubige an Gott beschrieben und sind den Muslimen nahe. Sein Klerus wird im Koran dafür gewürdigt, demütig zu sein. Wobei es im Prinzip keinen Klerus im Islam gibt, wie der Prophet Mohammed klar ausdrückt. Dadurch ist im Grunde ein religiöser Staat im Islam, geführt durch einen Klerus, den es gar nicht geben sollte, ein Widerspruch.

Nun zu uns Muslimen. Um dem Beispiel des zweiten Vatikanischen Konzil zu folgen, brauchen wir einen religiösen Führer mit den Qualifikationen wie sie Papst Johannes XXIII hatte. Er glaubte an die Menschlichkeit, als eine Familie, die alle Religionen respektiert und an alle Religionen glaubt. Ich bin mir sicher, wir haben viele solcher Führer, denn das ist, was der Islam lehrt. Schließlich bedeutet ein Muslim zu sein, an alle Nachrichten Gottes zu glauben, und an all seine Botschafter, jene die im heiligen Koran genannt werden, aber auch jene, die nicht genannt werden. An den Islam zu glauben, bedeutet auch an Pluralität zu glauben und menschliche Unterschiede als ein Zeichen der Größe Gottes. Nach meinem bescheidenem Wissen, kann ich mir jedoch niemanden vorstellen, der die moralische und religiöse Authoriät in der muslimischen Welt hat, um 2450 islamische Gelehrte und Imame aus der ganze Welt zusammen zu bringen und davon zu überzeugen, ihre Treffen und Diskussion so lange fortzusetzen, bis sie zu einer geschlossen Interpretation islamischer Prinzipien für das 21. Jahrhundert kommen, die mit den aktuellen menschlichen Herausforderungen fertig werden.

Dies soll nicht die vielen mutigen Ansätze unterschätzen, die bereits gemacht wurden.

  • Die vier Dokumente der Al-Azhar-Institutionen in Ägypten über menschliche Freiheit und den Nationalstaat.
  • Die Makah-Prinzipen gegen Extremismus und Terror.[PB4] 
  • Die Beiruter Erklärung der Religionsfreiheit.

Nur um einige Initiativen zu nennen, denen ich als KAICIID-Mitglied angehörte. Die Frage ist, wie diese verstreuten Initiativen zusammengebracht werden können, um einen Schneeball zu bilden, der groß genug ist, etwas Größeres ins Rollen zu bringen.

Der Kampf gegen Extremismus und Terrorismus (ausgeführt im Namen des Islam) ist ein islamischer Kampf, weil es von Beginn an ein Problem des Islams war. Es gibt viele Kämpfer, die mutig gegen merkwürdige Ideen und Fehlinterpretationen islamischer Doktrinen das Wort erheben. Sie wissen, dass es ein langer und kostspieliger Kampf wird, der nicht allein durch militärische Mittel gewonnen werden kann. Aber zur gleichen Zeit, wie viele Christen auf die Wiederkehr Jesu warten, warten viele Muslime nur auf die Wiederkehr al-Mahdis. Andere träumen von einem Kalifat, dass wie eine Stadt auf einem Hügel sein soll.

Ich bin bescheidener. Ich warte auf einen muslimischen Angelo Roncalo.