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Vor dem Hintergrund von wachsender Fremdenfeindlichkeit, Hassreden und politischen Maßnahmen, die religiöse Praktiken einschränken, einigen sich jüdische und muslimische Würdenträger in Europa auf eine Zusammenarbeit

09 Okt 2018

Amsterdam, 9. Oktober: Jüdische und muslimische Gemeinden in Europa sähen sich mit zunehmender Fremdenfeindlichkeit, Hassverbrechen und politischen Maßnahmen konfrontiert, die ihre Rechte auf die Ausübung religiöser Praktiken einschränken, bemerkten am Dienstag Würdenträger dieser Religionsgemeinden im Rahmen der ersten Plenarsitzung des europäischen Muslim-Jewish Leadership Council (MJLC) in Amsterdam. 

Den Vorsitz des Rates führen Rabbi Pinchas Goldschmidt, Oberrabbiner von Moskau, und Nedzad Grabus, Mufti von Slowenien. Unterstützt werden sie durch das internationale Dialogzentrum (KAICIID) aus Wien, das interreligiöse Dialogplattformen in Afrika, in Asien, im arabischen Raum und in Europa unterstützt. Als einzige zwischenstaatliche Organisation mit dem alleinigen Mandat, den interreligiösen Dialog zu fördern, sah das KAICIID im MJLC eine einmalige Gelegenheit, die beträchtliche Kluft in den Beziehungen zwischen Religionsgemeinden in Europa zu überbrücken. Daher unterstützt das Zentrum den Rat seit seiner Gründung und hilft beim Aufbau von Kapazitäten. KAICIID wird den Rat zudem durch Assistenz, Zusammenarbeit und Expertise in der Entwicklung und der Implementierung künftiger Aktivitäten unterstützen.

In seiner Eröffnungsrede rief KAICIID-Generalsekretär Faisal Bin Muaammar die Mitglieder des Rates dazu auf, bei der Förderung des jüdisch-muslimischen Dialogs eine Führungsrolle zu übernehmen: „Europa braucht Ihren Einsatz für gleiche Bürgerrechte und die Achtung der Vielfalt. Und der Rest der Welt, der Europa auf diesem Gebiet als Vorbild betrachtet, braucht Ihre Weisheit. Wir müssen ehrlich sein in Bezug auf die Tatsache, dass auf dem ganzen Kontinent Kräfte aufkommen, die die langjährige Erfahrung von religiöser Vielfalt und Pluralismus in Europa untergraben möchten. Wir brauchen Ihr Engagement, um sicherzustellen, dass die Rolle, die religiöse Traditionen bei der Wahrung unseres gemeinsamen Erbes spielen, auch in Zukunft anerkannt wird. Wir brauchen Ihr Engagement, sich für die gemeinsamen Rechte religiöser Gruppen in Europa auszusprechen, sowie um zwischen muslimischen und jüdischen Gemeinden Vertrauen und Zusammenarbeit aufzubauen.“

Der Rat wurde gegründet, um dem in Europa wachsenden Bedürfnis Sorge zu tragen, Vorurteilen, falschen Behauptungen, Angriffen und Gewalt gegenüber gläubiger Menschen und Religionen zu begegnen. Die Mitglieder trafen sich in Amsterdam, um die Zusammenarbeit von jüdischen und muslimischen Gemeinden in Europa mit Blick auf den Schutz der religiösen Praktiken ihrer jeweiligen Gemeinden und die Förderung der Solidarität zwischen ihren Gemeinden angesichts der widrigen Umstände zu erörtern.

Oberrabbiner David Rosen, Mitglied im KAICIID-Vorstand, der die Gründung des Forums unterstützte, stellte fest: „Wir werden uns nicht nur mit verschiedenen religiösen Themen befassen, sondern auch gegen zahlreiche gegenseitige Unverständnisse und Dämonisierung ankämpfen. Unsere Religionen rufen uns dazu auf, ein Segen für die Menschheit zu sein, daher ist die Zusammenarbeit nicht nur eine Notwendigkeit, sondern ein moralisches Gebot.“

Vertreter jüdischer und muslimischer Gemeinden aus Albanien, Belgien, Bosnien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Litauen, den Niederlanden, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Slowenien und der Schweiz beschrieben die Herausforderungen, mit denen ihre Gemeinden in unterschiedlichen Teilen Europas konfrontiert sind, ebenso wie die Anstrengungen, die sie unternehmen, um den Dialog zwischen Juden und Muslimen in ihren Ländern zu fördern.

Die Teilnehmer waren sich einig, dass jüdische und muslimische Gemeinden vor gemeinsamen Herausforderungen stehen, darunter die zunehmende Instrumentalisierung von Religion zu politischen Zwecken, Einschränkungen der Rechte zur freien Ausübung ihrer Religion und der wachsende Einfluss rechtsorientierter, fremdenfeindlicher Bewegungen. Darüber hinaus erwähnten Teilnehmer, dass Gespräche über „europäische Identität“ häufig Muslime ausschließen und dass der Islam als nicht europäisch gilt, obwohl Muslime seit vielen Jahrzehnten und sogar Jahrhunderten Teil des Gefüges der europäischen Gesellschaft sind.

Die Sitzung wurde von der Stadt Amsterdam ausgerichtet und vom KAICIID unterstützt. Sie fand unter der Schirmherrschaft von Mairead McGuinness, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, statt.

Der Rat wird Verbindungen mit EU-Organen aufbauen, Konzepte wie Beschneidung, religiöse Kleidung wie den Hidschab und die Bekämpfung von Islamfeindlichkeit und Antisemitismus erörtern und diesbezüglich zusammenarbeiten. Auch wird er ein positives Gegen-Narrativ zu Spaltung liefern, einheitliche Botschaften senden und Stellungnahmen und Veröffentlichungen bereitstellen.

Der MJLC wird außerdem Beziehungen mit politischen Entscheidungsträgern der EU und religiösen Einrichtungen in Europa herstellen und neue Themen wie Diskriminierung, die sich auf die Interessen beider Gemeinden auswirken können, behandeln.

Weitere Informationen über den MJLC, einschließlich eine Liste der Mitglieder, stehen auf seiner Website zur Verfügung: https://mjlc-europe.org/

 

Über den Muslim-Jewish Leadership Council

Der europäische Muslim-Jewish Leadership Council (MJLC) wurde 2015 von vierzehn europäischen religiösen Würdenträgern – 7 jüdische und 7 muslimische Religionsoberhäupter – mit Unterstützung des KAICIID in Wien gegründet. Ziel ist die Zusammenarbeit an Fragen von gemeinsamem Interesse und der Aufbau von stärkerem Vertrauen und einem gemeinsamen Verständnis zwischen ihren Gemeinden.

Der Rat handelt in einem Umfeld von wachsender Islamfeindlichkeit, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Europa, während vermehrt europäische Gesetzesinitiativen ins Leben gerufen werden, die jüdische und muslimische religiöse und traditionelle Praktiken (z. B. Kleidung, Beschneidung und Schlachtbestimmungen) einschränken oder verbieten würden. Der MJLC dient als Fürsprecher für die Ausübung der religiösen Freiheiten seiner Gemeinden, die im europäischen Gesetz verankert sind. Dafür werden gemeinsame Kampagnen durchgeführt, um die Rechte von muslimischen und jüdischen religiösen Gemeinden in Europa zu schützen. Der Rat möchte durch Engagement und Fürsprache das Vertrauen und die Unterstützung junger Menschen gewinnen und ihnen einen Weg bereiten, der es ihnen erlaubt, sich gut und erfolgreich in Europa zu entwickeln und ein erfülltes, gläubiges Leben zu führen.

 

Über das Internationale Dialogzentrum (KAICIID):

Das internationale Dialogzentrum (KAICIID) ist eine zwischenstaatliche Organisation, die sich für Dialog zur Förderung von Frieden in Konfliktgebieten einsetzt. Dies geschieht durch den Aufbau eines besseren Verständnisses und die Zusammenarbeit zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Anhängern unterschiedlicher Religionen. Das Zentrum wurde durch Österreich, Saudi-Arabien und Spanien gegründet. Der Heilige Stuhl ist ein Gründer und Beobachter. Der Vorstand (Board of Directors) besteht aus bekannten Vertretern der fünf Weltreligionen – Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam und Judentum. Der Vorstand entwickelt und betreut die Programme des Zentrums. Das KAICIID unterstützte die Einrichtung des MJLC und bietet dem Rat bei seinen Aktivitäten technische und sonstige Hilfe. Dabei stützt er sich auf die Überzeugung, dass religiöse Gemeinden und ihre Würdenträger – im Dialog mit politischen Entscheidungsträgern – beim Aufbau von friedlichen Gesellschaften eine entscheidende Rolle zu spielen haben.