Gewalt stoppen bevor sie ausbricht: Frühwarn- und Schnellreaktionssysteme

05 Jul 2019

Frühwarn- und Schnellreaktionssysteme sind bedeutende Instrumente im Rahmen der Konfliktpräventation und dienen dazu, rechtzeitig reagieren zu können und die Zivilbevölkerung zu schützen. Das Internationale Dialogzentrum (KAICIID) verwendet Frühwarn- und Schnellreaktionssysteme quer durch seine Programme um so gewaltfreie und inklusive Gemeinschaften aufzubauen.

Überall auf der Welt durchleben Staaten derzeit schlimme humanitäre Krisen. In KAICIID’s Schwerpunktländern, wie z.b. in der Zentralafrikanischen Republik und in Myanmar, hat der gewaltsame Konflikt eine Rekordzahl an Menschen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Das Resultat: Es gibt Millionen Vertriebene in aller Welt. Im Irak und in Nigeria kämpfen verwüstete Gemeinden derzeit um ihren Wiederaufbau nach vielen Jahren intensiver Kampfhandlungen.

Konfliktprävention ist möglich, aber nur dann, wenn die Zivilgesellschaft, Religionsgemeinschaften und politische Enscheidungsträger gemeinsam für Konfliktindikatoren empfänglich sind und sie gemeinsam für eine einheitliche Antwort sorgen. Frühwarn- und Schnellreaktionssysteme sind folglich notwenige Mechanismen, die dafür konzipiert sind, Gewalt zu stoppen noch bevor sie ausbricht und somit die negativen Auswirkungen eines Konflikts auf die Zivilbevölkerung minimieren.

Was sind Frühwarn- und Schnellreaktionssysteme?

Frühwarn- und Schnellreaktionssysteme beobachten Verhaltensänderungen in Gemeinschaften. Es sind dies Verhaltensänderungen, die Indiktatoren für potentiell entstehende Konfliktsituationen sein können. Die Systeme verlassen sich auf eine große Zahl unterschiedlicher Akteure auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene und sind vor allem dann effektiv, wenn sie die gut koordinierten Anstrengungen von Freiwilligen, Zivilgesellschaftsorganisationen, religiösen Institutionen, nationalen Regierungen und globalen Einrichtungen mitberücksichtigen.

Diese Frühwarnsysteme basieren in einer ersten Phase auf einem Verständnis für die zugrundeliegenden Konfliktursachen, wie z.B. den Zusammenbruch von politischen, wirtschaftlichen oder sicherheitsbezogenen Strukturen. Lokale Akteure stellen dann die Beschaffung und Auswertung von Daten zur Situationserkennung von aufkommmenden Spannungen zwischen Volksgemeinschaften sicher. Diese Daten können z.B. Informationen zu Drogenhandel, Friedenshindernissen, Bestechlichkeit des Sicherheitspersonals, sexueller Gewalt, Eigentumszerstörung oder zwischmenschlichen Konflikten umfassen.

In der finalen Phase sorgen die „early responders“ dafür, dass Entscheidungsträger und andere relevante Zielgruppen Warnungen erhalten, die die Ernsthaftigkeit der Bedrohung evaluieren sowie mögliche Handlungsempfehlungen aufzeigen. Immer dann wenn Frühwarn- und Schnellreaktionssysteme effizient arbeiten haben sie das Potential, politische Strategien zu beeinflussen sowie Konfliktpräventation und friedensbildende Maßnahmen zu unterstützen.

Frühwarnungen und Schnellreaktion in der Zentralafrikanischen Republik und in Nigeria

Anfang 2019 starteten KAICIID uns seine Partnerorganisation, das Kukah-Zentrum, das sogenannte „North-East Regional Peace Committe“ in Nigeria, welches regionale Friedensstifter im Bereich Frühwarnsysteme, Begleitung gewaltfreier Wahlen und Mediation ausbildet. Seit seiner Gründung im Jahr 2019 ist die Einrichtung aktiv mit dem ausfindig machen von frühen Warnsignalen in sechs nigeranischen Staaten im Nordwesten beschäftigt und koordiniert die Bemühungen auf regionaler und landespolitischer Ebene.

Als die Indiktatoren zeigten, dass die Wahlen im Februar zu Massengewalt führen konnten, koordinierte die von KAICIID unterstützte Plattform „IDFP“ darüber hinaus in Zusammenarbeit mit Religions- und Gemeindeführern einen gemeinsamen Aufruf zum Frieden. Der Videofilm der in den sozialen Medien und im nationalen Fernsehen gezeigt wurde erreichte Millionen Wähler im ganzen Land. Dieses Pilotprojekt wird nun weiter dahingehend untersucht, wie und in welchem Ausmaß Religionsgemeinschaften eine aktive Rolle bei Frühwarn- und Schnellreaktionssystemen spielen können.

In der Zentralafrikanischen Republik hat das nationale Versöhnungsministerium („Ministry of Reconciliation“) KAICIID darum gebeten, die lokalen Friedens- und Versöhnungskomitees (LPCs) zu unterstützen, und so zu garantieren, dass die Stimmen alle Religions- und Gemeindeführer dort Berücksichtigung finden. Die Komitees, welche lokal, regional und national vernetzt agieren, zielen darauf ab, Konflikten zwischen den Gemeinden vorzubeugen und Spannungen, die Frieden und Stabilität gefährden könnten, abzubauen.

In der südlichen Präfektur Kemo hat das lokale Friedens- und Versöhnungskomitee kürzlich die lokalen Behörden vor größer werdenden Spannungen zwischen Viehzüchtern und lokalen Jugendgruppen gewarnt. Daraufhin wurde eine Gruppe bestehend aus Regierungsbeamten und Militärs eingesetzt, um einen möglichen Gewaltausbruch zu verhindern und zu vermitteln.

Was sind die Herausforderungen?

Frühwarn- und Schnellreaktionssysteme erfordern ein einheitliches Engagement von lokalen Akteuren und Regierungsverantwortlichen. Im Speziellen sollten Glaubensorganisationen und traditionelle Führer besser ausgebildet und stärker in diese Systeme eingebunden werden, denn es sind oft sie, die über die potentiellen Risiken und Bedrohungen vor Ort gut informiert sind. Ihre Unterstützung ist somit notwendig um Regierungen und internationalen Organisationen dabei zu helfen, eine effektive Antwortreaktion setzen zu können.

Gut funktionierende Frühwarn- und Schnellreaktionssysteme erfordern menschliche Fähigkeiten, gemeinschaftlichen und einheitlichen politischen Support, sowie ein bestimmtes Maß an techischer Infrastruktur. Die involvierten Akteure benötigen eine Ausbildung zu den Indiktatoren und Reaktionsmechanismen und die Friedenskomitees sollten mit klaren Verantwortlichkeiten und Entscheidungssystemen ausgestattet sein. Darüber hinaus existiert eine klare Notwendigkeit für Regierungen in politische Richtlinien und eine Präventionskultur zu investieren, da eine öffentliche Verwaltung die durch Konflikte und Korruption gespalten ist oft ineffizient ist, wenn es um die Einführung von Antwortreaktionsempfehlungen geht. In weniger entwickelten Gegenden führt ein Mangel an technologischer Infrastruktur dazu, dass eine klare Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Friendeskomitees nur schwer möglich ist.