20 Sep 2016

Dr. Mohammad Sammak

Erlauben Sie mir, mit einer kurzen Geschichte zu beginnen.

 

Im Mittelalter, während der Kreuzzüge, wurde Doumyat, damals nur ein kleines Dorf (heute ist es eine große ägyptische Stadt), von den Kreuzfahrern belagert. Die ägyptischen, islamischen Truppen schlugen zurück. Die Belagerung dauerte eine lange Zeit, war aber vergebens.

Nach einer Weile, an einem ruhigen Tag ohne Gefechte, kam ein Mönch in seinen Priestergewändern mit nichts als einer Bibel in der Hand aus dem Lager der Kreuzfahrer. Er trug keine Waffe, nicht einmal einen Stock hatte er in der Hand.

Die Moslems waren überrascht darüber, dass er aus dem feindlichen Lager zu ihnen kam, aber sie trauten sich nicht, ihn zu verletzen.

Seine Kleidung wies ihn als Mönch, als Priester, aus — der Koran lobt Christen mit tiefer Liebe und Respekt, weil es Mönche und Priester unter ihnen gibt.

Der verstorbene Pater Jacques Hamel, der in seiner Kirche im französischen Rouen ermordet wurde, war einer jener Priester, über die der Koran in höchsten Tönen sprach. Und ich möchte dem Erzbischof von Rouen versichern, dass an diesem Tag nicht nur seine Kirche, sondern die gesamte Menschheit Pater Jacques verloren hat.

Ähnlich gilt die Bibel, die er trug, den Muslimen als heilig, weil sie glauben, dass sie, wie der Koran, durch Gott offenbart wurde und dass sie Anleitung und Wissen beinhaltet. Der Koran geht sogar so weit, zu sagen, dass „Menschen des Evangeliums nach dem urteilen, was Gott in ihm offenbart hat“.

Aus diesem Grund empfingen die muslimischen Soldaten diesen Priester, der aus dem feindlichen Lager kam, mit Respekt, aber auch mit Verwirrung. Sie fragten ihn:  „Wer bist du? Und was willst du?“ Er sagte ihnen, dass er den König treffen wolle.

Nach kurzem Zögern und Beratung wurde der Priester zum Lager des Königs gebracht, König Al-Kamel, der ein Vetter des Salah ad-Din Yusuf ibn-Ayyub (besser bekannt als Saladin) war. Der König stellte die gleiche Frage: „Was willst du?“  Der Priester antwortete: „Ich will Frieden.“

  • „Aber ihr bekämpft uns…“
  • „Wir kämpfen nicht um des Kämpfens willen, sondern weil wir in Frieden und Sicherheit auf unserem Weg nach Jerusalem suchen.“

Der König fragte: „Und wie kann das passieren?“

Der Priester sagte: „Es ist ganz einfach.  Das Problem ist gelöst, sobald ihr alle zum Christentum konvertiert.  Dann werden wir alle Brüder sein.“

Der König war nicht wütend.  Er sagte: „Ich werde dich einigen muslimischen Gelehrten vorstellen, damit du diese Angelegenheit mit ihnen besprechen kannst und ihr gemeinsam entscheiden könnt, welche der beiden Religionen wahr ist und wer den Glauben der anderen annehmen sollte.“

Während des Treffens schlug einer der muslimischen Gelehrten kühn vor, dass sie ein Feuer errichten und den Priester bitten sollten, freiwillig hineinzugehen.  Sollte er unverletzt wieder herauskommen, würde dies bedeuten, dass seine Religion - das Christentum - richtig ist, und die Moslems ihr folgen sollten.

Der Priester dachte kaum nach und sagte: „Ich stimme zu. Wenn ich unverletzt aus dem Feuer herauskomme, dann ist Christentum die wahre Religion und ihr müsst alle konvertieren.  Sollte mich das Feuer jedoch verzehren, so geschieht das wegen meiner eigenen Sünden. Auch dann, meinte er damit, sei das Christentum noch die wahre Religion.

Den König und seine Gelehrten rührte die tiefe Spiritualität und Intelligenz des Mönchs.

Der Dialog endete mit der Rückkehr des Priesters zu seinem Lager, beladen mit königlichen Geschenken, die, wie ich glaube, derzeit um sein Grab herum ausgestellt werden.  Der Priester ist Franz von Assisi unter dessen geistiger Schirmherrschaft wir heute, dank der Gemeinschaft von Sankt Ägidius, versammelt sind.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich habe Ihnen diese wahre Geschichte nicht nur deshalb erzählt, weil wir auf dem Campus des heiligen Franziskus sind, sondern um die folgenden Fragen aufzuwerfen:

  • Würde Franziskus heute zurückkommen und die Konfliktbereiche im Mittleren Osten besuchen, wie würde er von ISIS und anderen wie ihnen empfangen werden?
  • Würden sie seine religiöse Kleidung und seine heilige Bibel respektieren?
  • Würden sie ihm zuhören, wenn er seine religiösen Überzeugungen vorträgt?
  • Würden sie ihm als christlichem Gläubigen gegenübertreten, im Licht dessen, was der Koran und der muslimische Prophet Mohammed (Frieden sei mit ihm) über Christen sagen?

Ich denke nicht, dass irgendjemand von uns darauf eine Antwort braucht… wir alle kennen sie.

Wir kennen das Schicksal des italienischen Jesuitenpaters Paolo Dalloglaio, der sein Leben dem Dienst an Muslimen und Christen in Syrien widmete.  Und wir kennen das Schicksal von Bischof Yohanna Ibrahim, den wir heute, wie bei jeder Sankt-Ägidius-Veranstaltung und bei den Muslimisch-Christlichen Dialogplattformen im Mittleren Osten und darüber hinaus, schmerzlich vermissen.

Wir wissen, was mit vielen Klostern und Kirchen und Moscheen passiert ist, die zerstört wurden, obwohl sie vom Koran als Häuser Gottes beschrieben werden, obwohl der Prophet Mohammed die Muslime warnte, sie nicht zu beschädigen und ihnen verbot, den Stein eines Kirchengebäudes zu benutzen, um ein Haus für Muslime zu errichten, da dies eine Missachtung Gottes und seines Prophet wäre.

Der Islam hat sich nicht geändert. Der Text des Koran ist konstant und die Lehren des Propheten sind klar. Er hat sich weder vor noch nach Sankt Franziskus Treffen mit König Al-Kamel in Ägypten geändert.  Was sich geändert hat, ist, dass eine Gruppe nachtragender, erbitterter Extremisten den Islam gekidnappt hat und ihn als Werkzeug für Rache benutzt. Sie sind eine neue totalitäre Bewegung geworden, dieses mal jedoch eine im Namen der Religion.

Aus diesem Grund verstehen wir Muslime klar und deutlich, dass wir unsere Religion von diesen "Entführern" befreien und sie im Sinne der spirituellen Prinzipien des Islam und der allgemeinen Grundregeln und Werte, die die Grundlagen der menschlichen Zivilisation im 21. Jahrhundert bilden, neu ordnen müssen.

Auch aus diesem Grund ist der Kampf gegen religiösen Extremismus in erster Linie eine Pflicht der Muslime.  Der Islam glaubt an Pluralismus und hält Verschiedenartigkeit für einen Ausdruck des göttlichen Willens, dass die Menschen unterschiedlich seien. Deshalb forderte Gott sie auf, einander zu kennen. Dialog ist das Mittel dafür, aber es gibt keinen Dialog ohne Freiheit. Religionsfreiheit ist die Grundlage, die Krone aller Freiheiten, wie es in der Apostolischen Ermahnung zum Mittleren Osten und dem Dokument des Azhar Al Sharif zu den grundlegenden Freiheiten geschrieben steht. Seine Heiligkeit Papst Franziskus bewies sich als geistiger Führer für die gesamte Menschlichkeit, als er sagte, dass „Töten im Namen Gottes satanisch ist“; und dass es keine kriminelle Religion, Kriminelle in allen Religionen gibt.

Schließlich bringt der Geist von Assisi uns zusammen, um Extremismus zu widerstehen, Gewalt und Terror zu bekämpfen, und eine Menschheit zu werden.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich lernte von der Geschichte von Franz von Assisi im Osten, dass Beziehungen zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Religionen nicht auf Ausrottung basieren können, wie ISIS sie heute begeht; aber auch nicht auf Toleranz, wie einige wohlmeinende Leute denken. Sie sollten auf dem Glauben an Pluralismus und Diversität und auf Respekt für die intellektuelle und ideologische Grundlage basieren, die die Grundlage von Pluralismus und Verschiedenartigkeit ist, und in gewissem Sinne Toleranz ersetzt, die Nietzsche als Beleidigung „des Anderen“ beschreibt.

Toleranz ist positive Diskriminierung.

Staatsbürgerschaft basiert nicht auf Toleranz sondern auf Rechten. Beim allerersten Anzeichen von Veränderung oder Spannungen kann Toleranz schnell zur Menschenrechtsverletzung führen.  Toleranz wird immer mit einem bestimmten Maß an Überlegenheit praktiziert - die des Toleranten gegenüber dem Tolerierten.  Das Rechtsprinzip jedoch basiert auf Gleichheit und Gerechtigkeit und schützt menschliche und nationale Beziehungen menschlicher auf der Grundlage gegenseitigen Respekts.  Genau das ist es, was unsere Staaten im Mittleren Osten benötigen und worauf sie basieren sollten.

Erlauben Sie mir, meine Rede zum Ende zu bringen indem ich sie auf folgende Realität hinweise:  Je mehr ich in mir selbst Raum für „den Anderen“ schaffe, desto besser verstehe ich mich … und den anderen. (Wenn Professor Bauman mir erlaubt, das zu sagen): Nur durch Meinungsfreiheit, Freiheit der Religionsfreiheit und die Freiheit, Religionen auszuüben, kann ich verstehen, was es bedeutet, du zu sein, weil du ich, der andere bist.

Danke an Sankt Ägidius… und danke Ihnen.

Nur durch Meinungsfreiheit, Freiheit der Religionsfreiheit und die Freiheit, Religionen auszuüben, kann ich verstehen, was es bedeutet, du zu sein, weil du ich, der andere bist.