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Das erweiterte Programm für Europa befasst sich mit Hassrede, Gewalt und Herausforderungen in der Integration

02 Jun 2021

Im Jahr 2015 kamen über eine Million Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten nach Europa, viele von ihnen auf der Flucht vor gewaltsamen Konflikten im Irak, in Syrien und Afghanistan.

Bis Ende 2016 erreichten 5,2 Millionen Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten die europäischen Küsten. Das entfachte heftige Debatten über die Integrationspolitik und löste Ängste vor einer sich verändernden europäischen Identität aus, die durch neue Kulturen, Sprachen und Religionen geprägt wird.

Die Auswirkungen der Krise von 2015 sind innerhalb der europäischen Grenzen noch sehr präsent und manifestieren sich in zunehmender Hassrede gegen Minderheiten und Angriffen auf Gotteshäuser. Da sich die Warnzeichen für Gewalt häufen, hat das Internationale Dialogzentrum (KAICIID) sein Programm für Europa ausgeweitet, um zu versuchen, die gesellschaftlichen Gräben zu überwinden.

„Mit unserem neuen Programm für die Region Europa stellen wir uns der Herausforderung eines zunehmenden Diskurses der Angst vor Flüchtlingen, Migrantinnen und Migranten. Wir sehen großes Potenzial für interreligiösen und interkulturellen Dialog, um dem Hass entgegenzutreten, den wir aktuell registrieren“, erklärt Faisal bin Muaammar, KAICIID-Generalsekretär.

Laut Johannes Langer, Programm-Manager für Europa, wurde das Programm in drei Säulen strukturiert. Religiöse Führerinnen und Führer sowie politische Entscheidungsträgerinnen und -träger bemühen sich gemeinsam darum, die dringendsten Probleme auf dem Kontinent anzugehen.

Inklusive Bildung und Politik

Die erste Säule des Programms baut auf früheren Bemühungen auf, inklusive Bildungsangebote für Neuzugewanderte zu schaffen. Die Zivilgesellschaft und politische Entscheidungsträgerinnen und -träger werden eingeladen, gemeinsam an der Schaffung einer effektiveren Politik des sozialen Zusammenhalts zu arbeiten.

Im Jahr 2017 startete das Team ein Pilotprojekt in Wien, das sich darauf konzentrierte, Lücken in der integrationsfördernden Bildung durch mehr Ressourcen und Unterrichtsmaterialien zu schließen. Das daraus entstandene Toolkit umfasst 13 Module, die darauf abzielen, neuzugewanderte Menschen in alle Aspekte ihres Gastlandes zu integrieren. Dazu zählen das Erlernen der Sprache, Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung und das Verständnis der gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungen. Diese Ressourcen wurden bereits von KAICIID und Partnerorganisationen in Wien und Madrid implementiert. Es gibt bereits Pläne, sie in den kommenden Jahren auf weitere Sprachen und Kontexte auszuweiten.

Das von KAICIID unterstützte Network for Dialogue umfasst 25 Mitglieder, die Organisationen wie die Adventistische Entwicklungs- und Hilfsorganisation (ADRA), die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung (IFRC) und den Jesuiten-Flüchtlingsdienst repräsentieren. Network for Dialogue befasst sich mit aktuellen Herausforderungen im Bereich der Migration.

Im Rahmen des jährlichen European Policy Dialogue Forum kommen religiöse und zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure der Basis aus ganz Europa zusammenkommen, um sich über Fachwissen auszutauschen und mit politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern in Dialog zu treten.

 

Die Struktur des KAICIID-Programms für die Region Europa (ERP)

 

Als Ergebnis dieser Konsultationen hat das Netzwerk mehrere Leitfäden entwickelt, die auf die Verbesserung von Integrationsangeboten abzielen. Sie nennen Empfehlungen für die Entwicklung von integrativen Lehrplänen und die Sensibilisierung von Lehrkräften für die Bedürfnisse von Flüchtlingen, Migrantinnen und Migranten. Außerdem bieten sie Anleitungen für ein besseres Verhältnis zwischen Aufnahmegemeinschaften und Zugewanderten. Die Dokumente gehen auch auf Bedenken ein, dass Integration fälschlicherweise den Verlust wichtiger kultureller und religiöser Identitätsmerkmale bedeutet.

Religiöse Führerinnen und Führer, zivilgesellschaftliche Organisationen, politische Entscheidungsträgerinnen und -träger vereinen

Während der Schwerpunkt der ersten Säule auf Politik und Bildung liegt, zielt die zweite Säule darauf ab, die Zusammenarbeit zwischen europäischen religiösen Akteurinnen und Akteuren und Regierungen zu verstärken.

Laut Langer ist strategisches Engagement religiöser Persönlichkeiten der Schlüssel zur Förderung geeinter Gemeinschaften, da sie sich wöchentlich mit den Gläubigen austauschen und oft direkt mit den Herausforderungen der Gemeinschaft zu tun haben. Viele sind auch sehr daran interessiert, bei der Bewältigung der religiösen und kulturellen Probleme zu helfen, mit denen Europa derzeit konfrontiert ist.

„Es ist wichtig, die Stimmen dieser religiösen Persönlichkeiten zu hören, denn Europa ist geprägt von einer ständig wachsenden Vielfalt von Menschen, die aus der ganzen Welt mit oft sehr unterschiedlichen Traditionen kommen. In anderen Fällen kommen einige Menschen mit ähnlichen Wertvorstellungen, aber vielleicht einer stärkeren Verbindung zur Religion. Wir brauchen also mehr Verständnis auf diesem säkularen Kontinent.“

Partnerschaften mit religiösen Akteurinnen und Akteuren ermöglichen es den Gemeinschaften, besser auf die zunehmende Vielfalt in ihrer Mitte einzugehen, fügt Langer hinzu. „Geschieht dies im Dialog und in gemeinsamer Zusammenarbeit mit den lokalen Regierungen, gewinnen politische Entscheidungsträgerinnen und -träger bessere Erkenntnisse darüber, wie sie diese Gemeinschaften, die oft am Rande der Gesellschaft stehen, einbinden können.“

Ebenso wichtig für das Europa-Programm ist es, sicherzustellen, dass die verschiedenen Religionsgemeinschaften auch untereinander im Dialog und in Partnerschaft stehen. Das hilft ihnen, gemeinsame Anliegen auf lokaler, nationaler und EU-Ebene besser anzugehen.

Dies ist die Absicht des von KAICIID unterstützten Muslim-Jewish Leadership Council (MJLC), der im Jahr 2018 auf Wunsch muslimischer und jüdischer Persönlichkeiten und mit Hilfe des Dialogzentrums als österreichische NGO gegründet wurde. Der MJLC vereint gleichberechtigte Vertreterinnen und Vertreter muslimischer und jüdischer Gemeinden aus ganz Europa, um die steigende Islamophobie und Antisemitismus zu thematisieren und über die Politik in Bezug auf die Religions- und Glaubensfreiheit zu beraten.

Seit ihrer Gründung haben die Mitglieder des Rates mutige Solidaritätsbekundungen abgegeben, wie zum Beispiel die Unterstützung einer von Muslimen ausgerichteten Holocaust-Gedenkveranstaltung und eines interreligiösen Marsches nach dem Terroranschlag im vergangenen November in Wien.

Der MJLC plant, sich mit dem Schutz religiöser Stätten in Europa zu befassen, nachdem es in den letzten Jahren eine Welle von Angriffen auf europäische Synagogen, Moscheen, Friedhöfe und andere heilige Stätten gegeben hat.

Hassrede bekämpfen und effektiv auf Gewalt reagieren

Diese Bemühungen unterstützen die Arbeit der dritten Säule des Programms, zu der die Bekämpfung von Hassrede und Gewalt im Namen der Religion gehört. Diese Herausforderungen versucht KAICIID seit der Gründung des Zentrums in verschiedenen Formen zu bewältigen.

Im vergangenen Jahr, als Hassrede gegen Minderheitengemeinschaften während der Coronavirus-Pandemie zunahm und Europa weitere Terroranschläge in Frankreich und Österreich erlebte, wurden koordinierte Bemühungen in diesen Bereichen wichtiger denn je.

Trotz eines Rückgangs der physischen Angriffe auf religiöse Minderheitengemeinschaften aufgrund von Lockdowns haben Untersuchungen der Universität Tel Aviv ergeben, dass Schändungen jüdischer religiöser Stätten, einschließlich Friedhöfe, im Jahr 2020 um fast 25 Prozent gestiegen sind. Gemeldet wurden Vorfälle in Ländern wie Ungarn, Moldawien und Frankreich.

Das KAICIIDs Europa-Programm plant, mit Unterstützung des MJLC und der European Muslim Leaders Majilis (EuLeMa) partizipative Dialoge mit Fachleuten, Gelehrten sowie religiösen Führerinnen und Führern zu veranstalten, um Hassrede und Aufwiegelung zu verhindern, die oft Vorläufer für ernste Vernichtungs- und Gewalttaten sind.

Neben Angriffen auf religiöse Gemeinschaften wurde der europäische Zusammenhalt im vergangenen Jahr durch mehrere Gewaltausbrüche im Namen der Religion auf die Probe gestellt. Die Notwendigkeit verbesserter Koordination erwies sich als besonders zutreffend, denn religiöse Führerinnen und Führer organisierten Hilfe für die Gemeinschaften, planten Mahnwachen und boten seelsorgerische Beratung in Folge der Tragödien.

„Zusätzlich zu dem Versuch, die Ursachen der Probleme durch die ersten beiden Säulen zu bekämpfen, suchen wir nach Möglichkeiten, wie europäische religiöse Führerinnen und Führer schnell und effektiv in der unmittelbaren Folge von Hassverbrechen und Gewalt handeln können“, so Langer. „Wir hoffen, Ressourcen für religiöse Persönlichkeiten zur Krisenbewältigung aufstellen zu können.“

Durch die Ausweitung des Europa-Programms will KAICIID eine Vielzahl von Möglichkeiten für zivilgesellschaftliche Führungskräfte bieten, um bestehende Bemühungen leichter zu koordinieren und für politische Entscheidungsträgerinnen und -träger, um die Belange der verschiedenen Gemeinschaften besser zu vertreten.

„Trotz der Tatsache, dass Europa ein säkularer Kontinent ist, erkennen wir die Notwendigkeit, mit religiösen Akteurinnen und Akteuren auf formellen und informellen Wegen in Kontakt zu treten“, erklärt KAICIIDs Generalsekretär Muaammar. Genau hier kann das Dialogzentrum ein wichtiges Bindeglied und der Vermittler sein, um gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen zu finden, denen unsere Gemeinschaften gegenüberstehen.“

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