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Bildung, Aufklärung und Beratung als Schlüssel zur Verhinderung von Radikalisierung in Gefängnissen: Imam Ramazan Demir bei KAICIID

17 Mai 2018

Welche Faktoren fördern die Radikalisierung junger Muslime? Im Rahmen der Vortragsreihe "Religionen im Dialog" des Internationalen Dialogzentrums (KAICIID) berichtete Imam Ramazan Demir über seine Erfahrungen als offizieller muslimischer Gefängnisseelsorger, Er beantwortete Fragen, die entscheidend dafür sind, den Missbrauch von Religion zur Rechtfertigung von Terroristen zu verhindern.

Beginnend mit einer Anekdote über seine erste Erfahrung als Gefängnisseelsorger beschrieb er, wie er eine spontane Predigt in der Moschee des Gefängnisses hielt. Durch den folgenden Dialog mit den Häftlingen wurde deutlich, dass ein kontinuierlicher Beratungs- uns Seelsorgebedarf bestand. Imam Demir versprach, zurückzukehren, um diesen Rat zu geben, und tut dies seither regelmäßig.

In dem Vortrag, der auf seinem Bestseller "Unter Extremisten" basierte, gab er dem Publikum Einblick in das tägliche Leben im Gefängnis und in die Gedanken, Hoffnungen und Ängste der muslimischen Häftlinge, die er berät. Imam Demir erklärte, es bestehe ein dringender Bedarf an Kommunikation und sachlicher Information, wobei er soziale Medien als einer der Schlüsselfaktoren für die Radikalisierung junger Muslime hervorhob. Er erklärte, dass viele junge Menschen nach Orientierung und Sinn im Leben suchen, und beschrieb, dass sich viele von ihnen problematischen Videos selbsternannter "Prediger" in sozialen Medien zuwenden. Oft teilen diese "Prediger" extremistische Botschaften.

Als zweiter Hauptfaktor der Radikalisierung umriss Imam Ramazan Demir inoffizielle und nicht autorisierte "Hinterhof-Moscheen", in denen die Prediger charismatische Figuren sind, oft mit einer Verbindung zu Kampfsport und einem "gefährlichen Halbwissen oder Nichtwissen über Islam, gepaart mit ein paar arabischen Versen". Sie präsentieren sich als "Super-Muslime", und junge Menschen, die sich orientieren wollen, schauen im Streben nach Anerkennung oft zu ihnen auf. Imam Ramazan Demir erklärte ausführlich den Unterschied zwischen inoffiziellen Moscheen und den offiziellen, wo autorisierte Imame predigen. Viele dieser autorisierten Imame haben Feinde in der radikaleren Szene. Er erklärte auch, dass viele von denen, die für Radikalisierung anfällig sind, aus benachteiligten Verhältnissen stammen und psychologisch durch leere Versprechungen ausgetrickst, manipuliert und getäuscht werden.

Imam Ramazan Demir unterstrich die problematische Rolle der Medien, da Islam vielfach falsch oder verzerrt dargestellt, und dadurch die Angst vor dem Islam in der Öffentlichkeit gefördert wird. Er erklärte, dass Aufklärung und Bildung sowohl von und für Muslime, als auch für die breite Öffentlichkeit notwendig sind. Erstere müssen wissen, wohin sie sich wenden können, wenn sie Unterstützung oder Orientierung brauchen, während Letztere zwischen Islam und jenen, die Religion missbrauchen, um ihre Gewalttaten zu rechtfertigen differenzieren müssen.

Der dritte Faktor wurde als Radikalisierung durch Mithäftlinge im Gefängnis beschrieben. Imam Demir erklärte, dass religionsübergreifend die Bedeutung des Glaubens in der Regel zunimmt, wenn Menschen eine Haftstrafe verbüßen. Er betonte, dass viele Menschen fundamentale Fragen haben und jemanden haben müssen, der ihnen zuhört, um die oft schwere psychische Belastung mit jemandem zu teilen.

Imam Demir forderte mehr, gut ausgebildete und hauptberufliche muslimische Gefängnisseelsorger sowie mehr und differenzierte politische Bildung und muslimischen Religionsunterricht in der Schule. Nur durch diese Maßnahmen können Integration und sozialer Zusammenhalt gefördert und Radikalisierung verhindert werden.

Religionen im Dialog – Vortragsreihe

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