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„Heilige Stätten wie unsere eigenen respektieren“: Webinar-Teilnehmer lernen, religiöse Orte besser zu schützen

20 Mai 2021

Die Kämpfe in der Region Tigray im Norden Äthiopiens gehen weiter. Kürzlich wurden eine historische Kirche, die angeblich die „Bundeslade“ beherbergt, und eine der ältesten Moscheen in Afrika südlich der Sahara angegriffen. Dabei kamen hunderte Menschen zu Tode.

Dies ist ein Beispiel dafür, wie religiöse Stätten zunehmend verwundbar werden. Muslime wurden in Moscheen ermordet, Juden in Synagogen angegriffen, Sikhs, Christen und andere bei Gottesdiensten getötet. Auf der ganzen Welt wurden auf religiöse Stätten und Friedhöfe Vandalenakte verübt.

Um solche Gewalt zu verhindern und friedlichen Konsens zu fördern, haben die Weltpfadfinderorganisation (WOSM) und das Internationale Dialogzentrum (KAICIID) am 12. Mai 2021 das Webinar „Vereint in Diversität: Erhaltung kultureller und religiöser Stätten“ veranstaltet.

Die Vortragenden sprachen die Verantwortung der Religionsgemeinschaften an, sich nicht nur um den Schutz ihrer religiösen Stätten, des kulturellen Erbes und der historischen Erfahrungen ihrer Glaubensrichtung zu kümmern, sondern auch um den Schutz der heiligen Stätten anderer.

Jeder unterstrich die Aussage des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, António Guterres, in seinem Vorwort zum Aktionsplan der Vereinten Nationen zum Schutz religiöser Stätten: „Religiöse Stätten und alle Orte der Andacht und Besinnung sollten sichere Oasen sein, nicht Schauplätze von Terror oder Blutvergießen.“

Von Brennpunkten des Konflikts zu „Orten des Austauschs“

Der Aktionsplan war Teil der Reaktion der UNO auf die Anschläge auf Moscheen in Christchurch, Neuseeland, im Jahr 2019, bei denen 51 Menschen ums Leben kamen, so Dr. Paul Morris vom UNESCO-Lehrstuhl für interreligiöse Verständigung und Beziehungen an der Victoria Universität in Wellington, Neuseeland.

Der Angriff veranschaulichte, wie heilige Stätten zu symbolischen Vehikeln für den Ausdruck von Hass werden können, so Morris weiter.

„Religiöse Stätten sind wichtig für die kollektive Identität, die Mobilisierung von Gemeinschaften und für den individuellen und gemeinschaftlichen Zusammenhalt und das Wohlbefinden“, führt er aus. „Gleichzeitig können sie aber auch zu Brennpunkten von Konflikt und Terror werden.“

Morris hofft, dass der UN-Aktionsplan heilige Stätten nicht nur schützen, sondern ihre Rolle als Treffpunkte und „Orte des Austauschs“ stärken wird.

Religiöse Stätten seien ein lebendiges Erbe und „Schätze, die Dialog und den Respekt für die Vielfalt fördern können“, fügt er hinzu.

Schutz des heiligen Erbes in Thailand und Indien

Lertchanta Ally Seeluangsawat, Koordinatorin für den Scouts of the World Award (SWA) im thailändischen Kaengkrachan Riverside Scout Camp, berichtete den Anwesenden im Webinar von ihren Erfahrungen bei der Arbeit mit Pfadfinderinnen und Pfadfindern, die ihren SWA in Sukhothai, einer historischen Stadt im Norden Thailands, absolvieren.

Die Pfadfinderinnen und Pfadfinder kommen nicht nur nach Sukhothai, um etwas über die Geschichte der Stadt zu erfahren, sondern auch, um für ihre Erhaltung zu sorgen. „Sie bekommen nicht nur Informationen über einen Ort, sondern leisten einen wichtigen Beitrag und helfen, ihn zu schützen und zu erhalten.“

Sukhothai, die Hauptstadt des ersten Königreichs von Siam im 13. und 14. Jahrhundert, ist eine der ersten UNESCO-Welterbestätten, die von dem neuen Programm World Heritage Recognition Achievement profitieren. Das Programm geht auf eine Vereinbarung zwischen der UNESCO und der Weltpfadfinderorganisation aus dem Jahr 2018 zurück, durch die Pfadfinderinnen und Pfadfinder lernen sollen, Welterbestätten auf der ganzen Welt zu schätzen und zu erhalten.

Seeluangsawat erzählte, dass sie den Pfadfinderinnen und Pfadfindern während des gesamten Programms deutlich macht, dass Sukhothai Teil ihres kulturellen Erbes ist, dem gegenüber sie eine Sorgfaltspflicht haben. „Ich sage ihnen immer: 'Es ist eure Pflicht, etwas zu tun. Wenn ihr es nicht tut, wer wird es dann tun? Wenn nicht jetzt, wann dann?'“

Das Programm von Scout Chetan Mogral umfasst die Erhaltung eines weniger greifbaren Ausdrucks von Erbe und Tradition in Indien.

Mogral beschrieb, wie er sich für den Erhalt eines heiligen Tanzes namens Barathyanatyam sowie eines kulturellen Volksfestes, bekannt als Yakshagana, einsetzt. Zusammen stellen sie eine wichtige Verbindung zwischen Indiens Vergangenheit und Gegenwart dar, erklärte er.

„Der Schutz jeder Art von Kunst – oder Stätte – ist nur möglich, wenn sie an die nächste Generation weitergegeben wird. Menschen müssen die Geschichte kennen und sich als Teil davon verstehen“, so Mogral.

„Heilige Stätten wie unsere eigenen respektieren“

Rabbiner Ioni Shalom vom Lateinamerikanischen Jüdischen Kongress erklärte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Webinars, dass eine der größten Herausforderungen darin besteht, das Erbe anderer Kulturen und Religionen ebenso wie das eigene zu schätzen und zu schützen.

 „Wie kann ich lernen, Empathie zu zeigen für jemanden, dem bestimmte Orte heilig sind? Für jemanden, der etwas für diese Stätte empfindet? Wie kann ich verstehen, warum der 'Andere' einen Ort heilig findet?“

Shalom erzählte von seiner eigenen Reise des Verstehens durch Israel und Palästina, wo er in der Interaktion mit christlichen und muslimischen Menschen entlang des Weges herausfand, warum sie Orte durch das Prisma ihrer eigenen Glaubensrichtung als heilig empfanden. „Durch diesen Prozess lernte ich nicht nur, wie die anderen fühlten, sondern wir wurden auch Freunde.“

„Wenn man diese Nähe zum anderen hat, ist es leichter zu verstehen, aber auch gemeinsam zu wachsen“, führte er aus. „Auf dieser Reise haben wir gelernt, nicht nur das Denken des anderen zu verstehen, sondern auch zu fühlen, was der andere fühlt.“

KAICIID Fellow Fatima Madaki schloss das Webinar, indem sie erzählte, wie sie versucht, die gleiche Erfahrung mit christlichen und muslimischen Jugendlichen in Nigeria zu machen.

Das interreligiöse Projekt für Friedensförderung namens „Konsensfindung zum Schutz heiliger Stätten“ hat den Schutz heiliger Stätten vor Vandalismus und Zerstörung im Norden Nigerias zum Ziel. Madaki wollte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigen, dass „Orte der Andacht als Heiligtümer des Friedens für viele gelten müssen“.

Madaki konzentriert sich darauf, Menschen auf beiden Seiten zu helfen, „den Wert dessen zu erkennen, was wir verlieren, und dass wir mehr zerstören als ein Gebäude“.

Mentoring-Programme, die von Frauen und Jugendlichen geleitet wurden, lehrten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, „dass es einen Wert hat, sich auszutauschen und miteinander zu arbeiten, statt gegeneinander“, so Madaki.

„Nur wenn wir den 'Anderen' erleben und verstehen, können wir unsere Sichtweise erweitern und ihre heiligen Orte als unsere eigenen respektieren.“

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