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Zusammenstehen: Rabbiner und Imam nehmen gemeinsam an internationaler Holocaust-Gedenkfeier im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau teil

27 Januar 2022
Members of the Muslim-Jewish Leadership Council (MJLC) attend International Holocaust Remembrance Day in Auschwitz (Photo: Weronika Kuzma)
Mitglieder des Muslim-Jewish Leadership Council (MJLC) nehmen am Internationalen Holocaust-Gedenktag in Auschwitz teil (Foto: Weronika Kúzma)

In einer Zeit, in der Antisemitismus, antimuslimischer Hass und Fremdenfeindlichkeit in Europa zunehmen, ist es ein eindrucksvolles Zeichen, wenn ein Rabbiner und ein Imam Seite an Seite stehen – solidarisch miteinander und mit Holocaust-Überlebenden sowie im Namen der jüdischen und muslimischen Bevölkerung Europas.

Am Donnerstag, 27. Jänner, taten Rabbiner Michael Schudrich, Oberrabbiner von Polen, und Imam Adham Abd El Aal, Vertreter des Großmuftis von Polen in Warschau, genau dies bei den Feierlichkeiten zum Internationalen Holocaust-Gedenktag in Auschwitz-Birkenau, einem NS-Vernichtungslager, in dem mehr als 1,1 Millionen Menschen, zumeist Jüdinnen und Juden, ermordet wurden.

Die beiden Würdenträger gehören dem Muslim Jewish Leadership Council Europe (MJLC) an, einer von KAICIID geförderten Organisation, die gegründet wurde, um religiöse Minderheiten von Vorurteilen, falschen Behauptungen, Diskriminierung und Gewalt zu befreien.

„Was in Auschwitz geschah, war eine jüdische Tragödie“

Vor siebzehn Jahren, am 1. November 2005, erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) den 27. Jänner zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. Der jährliche Gedenktag ist der Befreiung von Auschwitz-Birkenau im Jahr 1945 gewidmet und soll an die vielen Opfer des Nationalsozialismus erinnern und sie ehren. Weitere Ziele sind, Menschen über den Holocaust aufzuklären, neuerlichen Völkermord zu verhindern und alle Formen von „religiöser Intoleranz, Aufwiegelung, Belästigung oder Gewalt gegen Personen oder Gemeinschaften aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder ihres religiösen Glaubens“ zu verurteilen.

Aufgrund der anhaltenden Coronavirus-Pandemie nahmen an der diesjährigen Zeremonie des Gedenktages in Auschwitz nur wenige Gäste teil, zumeist Überlebende und lokale Führungspersönlichkeiten aus dem religiösen und politischen Bereich. Zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der Gedenkstätte in Birkenau gehörten Rabbiner Michael Schudrich, Oberrabbiner von Polen; Imam Adham Abd El Aal, Vertreter des Großmuftis von Polen in Warschau; der römisch-katholische Bischof Roman Pindel; der orthodoxe Bischof Atanzy und Bischof Adrian Korczago von der Polnischen Evangelisch-Augsburgischen Kirche.

Schudrich hob die Bedeutung der Anwesenheit des MJLC bei dieser Veranstaltung hervor:

„Was in Auschwitz geschah, war eine jüdische Tragödie. Es war eine menschliche Tragödie. Aber die gesamte Menschheit muss die Lektion lernen: Die Welt kann nicht schweigen, wenn Massenmord und Völkermord stattgefunden haben. Deshalb müssen wir gemeinsam unsere Stimme erheben. Das ist unsere Verantwortung.“

 Weronika Kúzma)

„MJLC ist die natürlichste Organisation, die man sich vorstellen kann“

Der Muslim-Jewish Leadership Council (MJLC) wurde im Jahr 2015 gegründet und ist die erste europäische Plattform für muslimische und jüdische Führungspersönlichkeiten, die sich aktiv für den Schutz der Religionsfreiheit in Europa einsetzen.

Unter dem Vorsitz von Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Oberrabbiner von Moskau, und Mufti Nedzad Grabus, Mufti von Sarajevo, zielt der MJLC darauf ab, „in Europa eine Kultur des Respekts und der Wertschätzung religiöser Identitäten, insbesondere des Judentums und des Islam, zu stärken“. Diese Arbeit sei nicht nur notwendig, so Schudrich, sondern ganz natürlich.

„Der MJLC ist die natürlichste Organisation, die man sich vorstellen kann“, sagte er. Jüdische und muslimische Gemeinschaften leben seit Hunderten von Jahren friedlich miteinander. Es ist nur logisch, dass jüdische und muslimische Menschen in Europa zusammenarbeiten, gemeinsame Probleme identifizieren und die Dinge hervorheben, die wir gemeinsam tun können, um die Ausgrenzung zu bekämpfen.“

 „Wir setzen uns gemeinsam gegen Diskriminierung ein“

Da die Maßnahmen rund um das Coronavirus die Entsendung einer größeren Delegation zu der diesjährigen Gedenkveranstaltung nicht zuließen, trafen die MJLC-Mitglieder aus 16 Ländern einander stattdessen bei einer Online-Konferenz. Dabei beteten Imame und Rabbiner aus Europa gemeinsam und gaben eine Solidaritätserklärung zur Unterstützung ihrer polnischen Mitglieder und ihrer Mission ab.

„Wir dürfen nie vergessen, dass alles mit Hassrede begann und mit einem Völkermord endete. In Erinnerung an unsere gemeinsamen abrahamitischen Wurzeln stehen wir gemeinsam gegen Diskriminierung auf und reichen uns die Hände im Kampf gegen Islamophobie und Antisemitismus“, erklärte Imam Tarafa Baghajati, ein österreichisches Mitglied des MJLC-Vorstands, während eines vom Rat organisierten virtuellen interreligiösen Gebetstreffens.

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Schudrich würdigte die Arbeit des MJLC als „sehr wichtig, denn es gibt diese Vorstellung, dass Muslime und Juden heute nicht miteinander auskommen können. Das ist absolut falsch.“

„Wir wollen, dass die Menschen die muslimisch-jüdischen Beziehungen in einem neuen Licht sehen“, fügte Abd El-Aal hinzu, „um diejenigen zu stärken, die Brücken bauen und miteinander in Kontakt treten wollen.“

Angesichts des zunehmenden Antisemitismus und der Islamfeindlichkeit auf dem gesamten Kontinent ist eine solche Arbeit dringend erforderlich. Der Sonderbeauftragte des Europarats, Dr. Daniel Höltgen, schrieb kürzlich:

„Das Jahr 2021 war für die jüdische Bevölkerung Europas alarmierend. Der Antisemitismus eskalierte im Mai mit dem Aufflammen der Gewalt im Gaza-Krieg. In Deutschland wurden Synagogen angegriffen und israelische Flaggen verbrannt. Ähnliche antisemitische Vorfälle ereigneten sich auch an anderen Orten. Drohungen gegen Jüdinnen und Juden im Internet nahmen sprunghaft zu.“

Auch die Bridge Initiative an der Universität Georgetown berichtet, dass Islamophobie und antimuslimischer Hass eine konstante und wachsende Bedrohung in Europa und auf der ganzen Welt darstellen.

In den letzten drei Jahren hat der Muslim Jewish Leadership Council Europe (MJLC) einen Informationsaustausch über die Bedürfnisse, Sorgen und Herausforderungen regionaler und nationaler Gemeinschaften sowie über die alltäglichen Erfahrungen mit dem Leben als religiöse Minderheit in Europa ermöglicht.

Diese Arbeit reichte von Workshops zur Bildung von Allianzen bis hin zum Eintreten für den Schutz der Religionsfreiheit angesichts möglicher Verbote bestimmter Formen des rituellen Schlachtens. Der MJLC hat auch Erklärungen zum Gedenken an die Opfer verschiedener fremdenfeindlicher Angriffe veröffentlicht, wie etwa in Halle, Deutschland, im Oktober 2019 oder bei der Schändung muslimischer Grabstätten in Slowenien im Jahr 2021.

„Wann immer etwas in Europa vorfällt – und sich gegen die jüdische und muslimische Bevölkerung richtet – ist der MJLC da, um Stellung zu beziehen und gemeinsam eine Erklärung abzugeben“, so Schudrich. „Was immer wir tun, wir tun es gemeinsam.“

Abd El Aal erklärte: „Wenn jemand von Ungerechtigkeit betroffen ist, egal wer es ist, wann immer jemand dagegen aufstehen will, wird er mich an seiner Seite haben.“

„Wo immer Ungerechtigkeit herrscht, dürfen wir keine Angst haben, uns ihr entgegenzustellen – aufzustehen und zu sagen: 'Nein, nie wieder!'“, führte Abd El Aal aus.

An die Vergangenheit erinnern, die Gegenwart schützen

Die Gedenkveranstaltung in Auschwitz-Birkenau bot eine hervorragende Gelegenheit und einen symbolischen Rahmen für diese Art von Arbeit. Rabbiner Schudrich und Imam Abd El Aal wollen nicht nur die Opfer und Überlebenden ehren, sondern auch die klare Botschaft aussenden, dass Hass, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz in Europa nicht geduldet werden. Das Problem mit Hass in Europa wurde Anfang der Woche in Auschwitz-Birkenau deutlich. Die polnische Polizei berichtete, dass ein niederländischer Tourist festgenommen, inhaftiert und mit einem Bußgeld belegt wurde, weil er vor dem berüchtigten Lagertor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" den Hitlergruß gezeigt hatte und für Fotos posierte.

Schudrich sagte zu CNN: „Das Mindeste, was wir tun können, um das Andenken all derer zu ehren, die vom deutschen Naziregime getötet wurden, ist, dass wir keine Toleranz gegenüber Faschismus, Hass und Fremdenfeindlichkeit zeigen.“

Auschwitz-Birkenau „ist nicht nur für jüdische Menschen gedacht“, sagte Abd El Aal. „Es ist ein Ort der Erinnerung und der Bildung, ein Ort für alle, um zu sagen: 'So etwas darf nicht wieder passieren!'“

„Die ganze Menschheit muss daraus lernen: Die Welt kann nicht schweigen, wenn Massenmord und Völkermord geschehen sind. Wenn wir etwas aus dem Holocaust gelernt haben, dann, dass wir nicht schweigen dürfen“, stimmte Schudrich zu.

Rabbiner Schudrich und Imam Abd El Aal haben bereits in der Vergangenheit bei Konferenzen und Projekten zusammengearbeitet haben. Sie haben zum Beispiel das polnischen Justizsystem bei der Bereitstellung von koscherem und halalem Essen für die Insassen der Gefängnisse unterstützt. Sie hoffen, dass ihre gemeinsame Anwesenheit in Auschwitz-Birkenau am 27. Jänner eine klare Botschaft vermittelt hat.

Im heurigen Sommer wollen die Mitglieder des MJLC zum Srebrenica-Gedenktag zusammenkommen, um angesichts der Gräueltaten, die im Jahr 1995 an tausenden muslimischen Familien begangenen wurden, religiöse Solidarität zu bekunden.

„Der MJLC ist dazu da, dieses Gespräch zu erleichtern. Die allgemeine muslimische und jüdische Bevölkerung soll sehen, dass Rabbiner und Imame zusammenarbeiten“, erklärte Schudrich.

Rabbiner Schudrich und Imam Abd El Aal glauben zwar, dass die Arbeit des MJLC unerlässlich ist, sie hoffen aber auch, dass sie eines Tages weniger außergewöhnlich erscheinen wird.

„Ich träume davon, dass der Muslim Jewish Leadership Council in ein paar Jahren eine ganz normale Organisation sein wird; dass niemand mehr einen Imam und einen Rabbiner fotografieren will, die gemeinsam Stellung beziehen,“ so Schudrich. „Das ist die Zukunft Europas, auf die ich hoffe!“

Im Moment bedeute diese Arbeit laut Schudrich und Abd El Aal, am Internationalen Holocaust-Gedenktag Seite an Seite mit Überlebenden in Auschwitz-Birkenau zu stehen.

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