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Zehn Jahre, zehn Lehren: KAICIID reflektiert über die Erkenntnisse der letzten zehn Jahre

1 Dezember 2022
Die Eröffnung des Dialogzentrums KAICIID 2012 in Wien (Foto: KAICIID)

Das Internationale Dialogzentrum KAICIID feiert sein 10-jähriges Bestehen (2012-2022) und erinnert nicht nur an die ausgebildeten Fellows, die unterstützten Gemeinschaften, die zahlreichen Initiativen, Programme, Netzwerke und Partnerschaften, die auf- und ausgebaut wurden, sondern auch an seine Bereitschaft, aus Erfolgen und Misserfolgen zu lernen.

Im Rückblick auf die ersten zehn Jahre seiner Arbeit bat KAICIID seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, über die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert waren, die Erfolge, die sie erreicht haben, und – was vielleicht noch wichtiger ist – über die Lehren, die sie aus ihrem Tun gezogen haben, nachzudenken.

Im Folgenden lesen Sie eine Zusammenstellung der Erkenntnisse über die Kraft des interreligiösen und interkulturellen Dialogs und über die Art und Weise, wie KAICIID Menschen in seine Arbeit zur Schaffung dauerhaften Friedens über Religionen, Ethnien, Kulturen und Traditionen hinweg einbezieht.

1. Dauerhafter Frieden kann nur erreicht werden, wenn die Ursachen der Gewalt verstanden und beseitigt werden

Wird sozialer Zusammenhalt zu einer Priorität gemacht, trägt dies zur Förderung des friedlichen Zusammenlebens zwischen verschiedenen Gruppen bei, unabhängig von ihrer religiösen, politischen oder ethnischen Identität. Diese Tatsache wurde in Afrika berücksichtigt, als KAICIID das „Interreligiöse Dialogforum für Frieden“ (IDFP) dabei unterstützte, in den von Konflikten betroffenen Gebieten Nigerias sogenannte „Interreligiöse Dialog-Einheiten“ (IDUs) zu schaffen. Die friedensfördernden Fähigkeiten der Glaubensgemeinschaften wurden gestärkt, indem interreligiöser Dialog genutzt wurde, um grundlegende Probleme wie hohe Arbeitslosigkeit, ein falsches Verständnis von Religion und eine traumatische Vergangenheit aufzuarbeiten.

2. In Partnerschaften mit verschiedenen Interessengruppen investieren

Kooperationen und Partnerschaften zwischen religiösen Führerinnen und Führern, glaubensbasierten Organisationen und anderen politischen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren sind der Schlüssel, um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen – sei es bei der politischen Interessenvertretung, der Politikgestaltung, der Konfliktlösung oder bei Vermittlungsbemühungen. Um langfristig positive Veränderungen zu bewirken und den Frieden zu unterstützen, sollten Partnerschaften auf Dauer angelegt sein. Dies gilt von der Programmentwicklung und -gestaltung bis hin zu Begleitung, Monitoring und Evaluierung. KAICIID ist stolz auf seine langfristigen Partnerschaften und Kooperationen auf sämtlichen Ebenen: mehrere Organisationen der Vereinten Nationen auf internationaler Ebene, die Afrikanische Union und die Vereinigung Südostasiatischer Nationen auf regionaler Ebene sowie die Institutionen der Fellows an der Basis.

Die arabische Welt ist ein gutes Beispiel dafür. In Zusammenarbeit mit zahlreichen religiösen Institutionen in der Region hat KAICIID die „Interreligiöse Plattform für Dialog und Zusammenarbeit in der arabischen Welt“ (IPDC) ins Leben gerufen. Aus einer langjährigen Investition in die Plattform sind zahlreiche erfolgreiche Initiativen hervorgegangen, darunter das Projekt Dialog 360. Im Rahmen dieses Projekts geht KAICIID Partnerschaften mit Basisorganisationen ein und unterstützt diese bei der Bewältigung von Problemen in den Bereichen Friedenssicherung, Bekämpfung von Hassrede und Krisenbewältigung.

 KAICIID / Andreas Scheiblecker)

3.  Es gibt keinen dauerhaften Frieden ohne Frauen und Jugendliche

In gespaltenen Gemeinschaften ist es wichtig, Frauen und junge Menschen zu stärken. Im Allgemeinen führt die Einbindung von Frauen, Jugendlichen und anderen marginalisierten Gemeinschaften zu einer inklusiveren, altersgerechteren und geschlechtergerechten Programmgestaltung. Bei umfassenden Programmen zur Friedenssicherung und Versöhnung sollten die Belange von Frauen und Jugendlichen in den Mittelpunkt des Dialogs und der Entscheidungsprozesse gestellt werden, um längerfristige und nachhaltige Ergebnisse zu erzielen. Ein organisationsweiter Fokus auf Frauen und Jugendliche ist schon seit einiger Zeit Teil von KAICIIDs Stratie. In der arabischen Welt unterstützt KAICIID Programme wie „She for Dialogue“, die es Frauen ermöglichen, sich an politischen Diskussionen zu beteiligen, und die ihnen Instrumente zur Lösung von Konflikten und zur Durchführung von Kampagnen zur Interessenvertretung vermitteln. Weltweit hat KAICIID zahlreiche Webinare zu frauen- und jugendrelevanten Themen veranstaltet, die es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ermöglichten, Kontakte zu knüpfen, und ihnen eine Plattform boten, um ihren Standpunkten Ausdruck zu verleihen und ihre Initiativen zu unterstützen.

 KAICIID / Vitor Gordo)

4.  Vertrauen zwischen Politikerinnen und Politikern und religiösen Gemeinschaften aufbauen

Um zur erfolgreichen Konfliktbeilegung und zu dauerhaftem Frieden beizutragen, muss man sich sowohl auf Initiativen an der Basis als auch auf die Einbindung der Politik konzentrieren. Sowohl in Asien als auch in Europa hat sich gezeigt, dass diese Ansätze nicht im Widerspruch zueinanderstehen, sondern einander ergänzen. In Asien hat KAICIID im Laufe der Jahre und im Rahmen von Dialogforen politische Entscheidungsträgerinnen und -träger, religiöse Führerinnen und Führer, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft und religiöser Organisationen für die Mitarbeit an verschiedenen Programmen gewonnen, darunter auch für den bevorstehenden Start des „Dialognetzwerks südostasiatischer Städte“. In Europa bringt das von KAICIID gegründete Netzwerk für Dialog religiöse und säkulare Basisorganisationen zusammen, um Fragen der sozialen Integration von Flüchtlingen, Migrantinnen und Migranten durch Dialog zu thematisieren. In Zusammenarbeit mit dem Netzwerk für Dialog leitet KAICIID das jährlich stattfindende Europäische Forum für politischen Dialog (EPDF), bei dem sich religiöse Führungspersönlichkeiten mit politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern und anderen Fachleuten austauschen, um die Herausforderungen des sozialen Zusammenhalts in der Region anzusprechen, neue Lösungsansätze zu fördern und politische Empfehlungen zu entwickeln, die die Sichtweisen der Glaubensgemeinschaften in Europa widerspiegeln.

 KAICIID / David Pan)

5.  Medien spielen eine entscheidende Rolle

Die Förderung von konfliktsensiblem Journalismus und die Bekämpfung von Hassrede durch die Medien sind von entscheidender Bedeutung, wenn es um sozialen Zusammenhalt und ein friedliches Zusammenleben geht. Medien sind wichtige Partner und zentrale Akteure, um verschiedene Interessengruppen auf unterschiedlichen Ebenen der Gesellschaft zu erreichen. Diese Erkenntnis wurde bei KAICIID beherzigt, indem die Medien als strategische Dialogpartner in Afrika und der arabischen Welt anerkannt wurden. KAICIID gründete in der Zentralafrikanischen Republik ein Netzwerk von Friedensjournalistinnen und -journalisten, um ethische Berichterstattung zu fördern, Hassrede zu bekämpfen und Konflikte zu verringern. In der arabischen Welt hat KAICIID das Projekt „Medien für den Frieden“ ins Leben gerufen, das aus dem Dialogue Journalism Fellowship (DJF) und dem kommenden „Forum für Medienpolitik“ besteht, um Dialog in verschiedenen Gemeinschaften zu fördern und eine Kultur des Dialogs und der Friedensförderung in arabischen Medien zu etablieren.

 KAICIID)

6. Soziale Netzwerke und Medienkompetenz sind wichtig

Dialog wird traditionell als eine Aktivität angesehen, die im persönlichen Gespräch stattfindet, aber auch der digitale Dialog ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit im interreligiösen und interkulturellen Dialog. KAICIID hat seine digitalen Angebote ausgebaut und verbessert, das KAICIID Fellows-Programm fördert die digitale Kompetenz der Fellows und Alumni. In der arabischen Welt und in Asien haben die Programme „Soziale Medien als Raum für Dialog“ dazu beigetragen, marginalisierten Gruppen mehr Gehör zu verschaffen, Verbindungen zu Partnern sowie Interessenvertreterinnen und -vertretern aufzubauen und der Arbeit und den Bemühungen an der Basis und auf politischer Ebene rund um den Globus Sichtbarkeit zu verleihen.

 KAICIID / Weronika Kuzma)

7. Religiöse Bildung ist ein wichtiger Teil der Friedensförderung

Ob es darum geht, die Vielfalt des eigenen Glaubens kennenzulernen oder neue Sichtweisen anderer Gemeinschaften zu erfahren – es ist wichtig, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Dialogs ihr religiöses Wissen vertiefen. Eine nigerianische Studie, die im Jahr 2016 gemeinsam mit lokalen Partnern in Auftrag gegeben wurde, ergab, dass das Entstehen der Boko Haram-Terrorgruppe durch hohe Arbeitslosigkeit, eine traumatische Vergangenheit und ein falsches Verständnis von Religion angetrieben wurde. Religiöse Bildung ist auch in einem säkularen Kontext wie Europa wichtig. Dort braucht der Lernprozess Zeit, nicht nur, um das religiöse Wissen der Menschen zu erweitern, sondern auch, weil eine Beziehung zu den Beteiligten aufgebaut werden muss. Dies war der Fall bei der Gründung des Muslim Jewish Leadership Council (MJLC). Die Beteiligten stellten fest, dass die Wahrung religiöser Identitäten in Europa zunächst eine Erweiterung der Kenntnisse der Gesellschaft über den Islam und das Judentum erfordert.

8. Bildung ist weiterhin essentiell

Um Frieden zu schaffen und den sozialen Zusammenhalt zu fördern, ist es wichtig, in die Ausbildung religiöser Akteurinnen und Akteure und anderer Interessengruppen aus einer interreligiösen Perspektive zu investieren. Ausbildungen und Trainings sind das Herzstück des KAICIID Fellows-Programms. Als eines der am längsten laufenden Programme des Dialogzentrums hat es Fellows aus zahlreichen Ländern und Religionsgemeinschaften in Afrika, der arabischen Welt, Asien, Europa und anderen Weltregionen in sein Fellows Alumni Netzwerk aufgenommen. Das Netzwerk selbst baut auf einer einjährigen Ausbildung auf. Es bietet Möglichkeiten zur Vernetzung, zur Weiterbildung und beruflichen Entwicklung, um dauerhafte Ergebnisse für die Fellows, ihre Initiativen und Gemeinschaften zu erzielen. Neben dem Nutzen für die Fellows wurde das E-Learning-Programm von KAICIID mit dem Ziel, ein breiteres Publikum zu erreichen, gestartet. Tausende Menschen haben an diesem Programm teilgenommen, sowohl in ausführlichen Kursen unter Anleitung als auch in kürzeren Kursen im Selbststudium. Die Themen reichen vom Einsatz interreligiösen und interkulturellen Dialogs zur Unterstützung der Integration von Flüchtlingen über die Umwelt bis hin zu nachhaltigen Entwicklungszielen.

9. Monitoring und Evaluierung schaffen eine „Kultur des Lernens“

In dem Bestreben, eine evidenzbasierte, sich weiterentwickelnde Organisation zu sein – eine, die „das Lernen ihrer Mitglieder aktiv fördert und sich selbst kontinuierlich verändert“ – hat KAICIID strategische Evaluierungen durchgeführt, um seine Arbeit zu verbessern. Die ergebnisorientierten Managementprinzipien und -ansätze ergänzen nicht nur die Selbstevaluierungen der Programme, sondern leiten diese auch an und verbessern sie.

10. Dauerhafte Unterstützung ist unverzichtbar

Um neue Basisinitiativen zu unterstützen, ist Startkapital unerlässlich. Es ist jedoch wichtig, auf bestehenden Kontakten aufzubauen und die Notwendigkeit einer längeren Zusammenarbeit in den Vordergrund zu stellen, um Beziehungen zu fördern und die Wirkung von Kooperationen zu erhöhen. Wie erfolgreich diese Strategie ist, zeigt sich an der exponentiellen Wirkung der von KACIID gegründeten oder aktiv unterstützten regionalen Netzwerke und Plattformen, wie zum Beispiel das Interreligiöse Dialogforum für Frieden in Afrika, die Interreligiöse Plattform für Dialog und Zusammenarbeit in der arabischen Welt, die Paungsie Metta Initiativen (PMI) in Asien, der Muslim Jewish Leadership Council (MJLC) und das Netzwerk für Dialog in Europa. Auf globaler Ebene bieten das Institutionelle Netzwerk der Fellows und die virtuelle Plattform Connect2Dialogue den Fellows und anderen Akteurinnen und Akteuren des interreligiösen und interkulturellen Dialogs die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, Gemeinsamkeiten zu finden und langfristige Kooperationen aufzubauen.

 KAICIID)

Die nächsten zehn Jahre ...

KAICIID blickt auf die letzten 10 Jahre zurück und würdigt die Menschen und Gemeinschaften, die erreicht werden konnten. In dieser Zeit haben das Dialogzentrum und seine Partner wertvolle Erfahrungen gesammelt, die oben beschrieben wurden. Diese 10 Lehren verdeutlichen, dass der interreligiöse und der interkulturelle Dialog wichtige Mittel für KAICIID sind, um sein übergeordnetes Ziel zu erreichen: Friedensbildung durch sozialen Zusammenhalt.

Ob Partnerschaften mit verschiedenen Interessengruppen, Bildungsmaßnahmen, Dialogforen (sowohl online als auch vor Ort) oder ständige und konsequente Evaluierung – KAICIID freut sich auf das kommende Jahrzehnt, auf die weitere Umsetzung und die Früchte der bisher geleisteten Arbeit und auf die vielen Erfahrungen, die das Zentrum und seine Partner noch machen werden.

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