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Kriegsgesänge werden im Sudan zu Liedern des Friedens

26 Jul 2021

Anfang dieses Jahres führte eine internationale Menschenrechtsorganisation, die sich für die Verhinderung von Gräueltaten in einigen der fragilsten Staaten der Welt einsetzt, einen beispiellosen zweitägigen Workshop in Süd-Darfur, Sudan, durch, bei dem traditionelle Gesänge als ein Weg zu Frieden und Versöhnung genutzt wurden.

Die Schulung im Januar wurde von KAICIID im Rahmen des Projekts Dialogue 60 unterstützt und von der britischen Wohltätigkeitsorganisation Rights for Peace organisiert. 22 Hakamat-Frauen aus 18 Orten im Sudan nahmen daran teil. Hakamat sind traditionelle Sängerinnen, die in ihren Liedern martialische Themen und Texte aufgreifen. Von einigen Stämmen in Süd-Darfur und den Regionen Nord-West-Kordofan werden sie als gewaltfördernd angesehen. Die Lieder der Hakamat sind meist Kriegergesänge und behandeln Themen wie Ehre, Tapferkeit sowie Feigheit und werden oft als konfliktfördernd betrachtet.

In einem Land, in dem Frauen großen Einfluss auf ihre Gemeinschaften haben, sollte der Workshop die Hakamat dazu ermutigen, die Lieder mit Botschaften des Friedens anstatt der Aufwiegelung zu singen. Darüber hinaus sollen sie eine Kultur der Toleranz und des Dialogs entwickeln. Am zweiten Tag des Workshops schrieben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwei Lieder, in denen sie zu Frieden und Zusammenhalt aufriefen. Sie unterstrichen damit ihre Einigkeit, dass die Hakamat und lokale Führungspersönlichkeiten ihre Gemeinschaften mobilisieren können, um zum Frieden und zur Vermeidung von Hassrede beizutragen.

 

Nahla Yousif, die Geschäftsführerin von Almustagbal, einer sudanesischen Partnerorganisation von Rights for Peace, hatte bei der Planung des Workshops eine Schlüsselrolle inne. Sie beschrieb den Einfluss der von den Hakamat gesungenen Kriegerlieder. „Solche Gesänge können Hass zwischen Gemeinschaften oder Einzelpersonen oder sogar innerhalb einer Familie schüren. Die Lieder können bei den Menschen zu Aufruhr und zu Konflikten führen.

Laut Yousif wurden die Sängerinnen ermutigt, darüber nachzudenken, welche Rolle ihre Lieder bei Konflikten in der Region gespielt haben. „Ein wichtiges Thema wurde in einer transparenten Weise zur Diskussion gestellt: wer sind sie, was wollen sie und sind ihre Gesänge gut für die Gesellschaft oder schüren sie damit Konflikte?“

Hassrede als Hauptursache für interethnische Gewalt

Der Sudan in Ostafrika war in den letzten 20 Jahren von schlimmer interethnischer Gewalt geprägt. Anfang dieses Jahres haben die sudanesische Übergangsregierung und die wichtigste Rebellengruppe, die Sudanesische Volksbefreiungsbewegung-Nord (SPLM-N), eine weitere Runde von Friedensgesprächen eingeleitet, um den seit Jahrzehnten andauernden Konflikt zu beenden.

Der Konflikt im Sudan brach erstmals im Jahr 2003 aus, als die mehrheitlich nicht-arabischen Rebellen zu den Waffen griffen. Sie warfen der arabisch dominierten Zentralregierung in der Hauptstadt Khartum seit langem politische und wirtschaftliche Unterdrückung vor. Die darauffolgenden Repressalien durch die damals von der Regierung unterstützten „Janjaweed“ verschärften den Konflikt. Zwischen 2003 und 2008 forderten die Kämpfe mehr als 300.000 Tote und führten zur Vertreibung von Millionen Menschen.

 

Obwohl die Kämpfe in den letzten Jahren abgenommen haben, kommt es immer wieder zu Zusammenstößen. Im vergangenen Mai rief die Regierung den Ausnahmezustand aus, nachdem in dem Küstenstaat am Roten Meer mindestens 130 Menschen getötet worden waren. Daraufhin setzten die Vereinten Nationen alle humanitären Aktivitäten in El Geneina aus, wovon mehr als 700.000 Menschen betroffen waren. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden zwischen Januar und April rund 237.000 Menschen vertrieben. Das sind fast fünfmal so viele wie im gesamten vergangenen Jahr.

Ein aktueller Bericht von Rights for Peace beschreibt einige der Herausforderungen, denen sich die sudanesische Übergangsregierung gegenübersieht, die nach dem Sturz von Omar al-Bashir durch einen Staatsstreich im Jahr 2019 gebildet wurde.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass Hassrede und Anstiftung zu Gewalt oft direkt für die Zusammenstöße zwischen ethnischen Gruppen verantwortlich sind. Die Autoren gehen davon aus, dass zivilgesellschaftliche Gruppen oft nicht zu Hassrede Stellung nehmen. Weiters hat der Mangel an staatlichen Maßnahmen zu weit verbreiteter Unsicherheit und der Eskalation von Gewalt geführt. Rights for Peace formuliert auch eine Reihe von Empfehlungen, darunter die Notwendigkeit eines landesweiten Gesetzes zur Bekämpfung von Hassrede sowie die Verabschiedung eines umfassenden Antidiskriminierungsgesetzes.

Hassrede kann im Sudan viele Formen annehmen, wie zum Beispiel: „Säubert den Staat von allen schwarzen Plastiksäcken“, was sich auf ethnische Schwarzafrikanerinnen und -afrikaner aus den Nuba-Bergen, Darfur und dem Südsudan bezieht. Ein weiteres gängiges Beispiel für Hassrede beschreibt die Beni Amer, eine mehrheitlich muslimische Bevölkerungsgruppe, als „ein Krebsgeschwür, das entfernt werden muss“.

Frauen als Botschafterinnen für Frieden

Mariana Goetz, Direktorin bei Rights for Peace, das im Jahr 2018 gegründet wurde, meint, dass die Schulung gegen Hassrede einige wichtige Themen angesprochen habe. „Wir begannen mit einer Schulung zu Hassrede, Anstiftung zu Gewalt und Aufstachelung zum Völkermord. Gleichzeitig nutzten wir die Gelegenheit, um eine Sitzung abzuhalten, in der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer uns Beispiele für die Arten von Hassrede nennen konnten, denen sie in ihren Gemeinschaften begegneten. Wir haben dies als Online-Schulung über mehrere Tage hinweg durchgeführt, und Menschen aus vielen verschiedenen Regionen des Sudans haben daran teilgenommen.“

„Frauen in Darfur sind an den Kämpfen beteiligt“, so Najlaa El Khalifa, eine in London ansässige Rechtsberaterin bei Rights for Peace, die sich mit Themen rund um Hassrede beschäftigt. „Frauen sind auch sehr einflussreich, denn Hakamat sind in ihren Gemeinschaften sehr geachtet. Jedes Wort, das sie sagen, wird von den Menschen blind befolgt. Deshalb haben wir uns entschieden, uns auf sie zu konzentrieren und dort anzusetzen. Diese Frauen sollten Botschafterinnen des Friedens werden.“

Nahla Yousif, Geschäftsführerin von Almustagbal, sagt, der Workshop zeige, welche Rolle Frauen bei der Friedensförderung in Ländern wie dem Sudan spielen können. „Am Ende des Workshops betonten die Teilnehmerinnen, dass Kunst ein wichtiger Teil des Lebens ist und erheblichen Einfluss auf die Gesellschaft hat. Die Frauen haben auch eingeräumt, dass einige von ihnen manchmal Kunst dazu nutzen, um Schutz zu fördern und Lieder zu verbannen, die Konflikte und Hass schüren. Sie haben ihre Bereitschaft bekundet, solche Lieder, die zu Gewalt aufstacheln, aufzugeben und als Botschafterinnen des Friedens zu fungieren, um von der Gemeinschaft getragenen Zusammenhalt zu fördern.“

Neben der Unterstützung der Schulungen für Hakamat-Frauen hat KAICIID in Zusammenarbeit mit der Interreligiösen Plattform für Dialog und Zusammenarbeit in der arabischen Welt das Projekt „She for Dialogue“ entwickelt, um Frauen aus fünf arabischen Ländern in Dialog und Friedensförderung zu schulen.

 

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