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Kreativität stärkt den sozialen Zusammenhalt: Kunst als Mittel für das Zusammenleben

30 Juni 2022
Das Ensemble des Theaterstücks „Das verzauberte Dorf“ im Regierungsbezirk Baalbek-Hermel, Libanon.

Kunst und Kultur werden zunehmend zu praktischen Instrumenten zur Förderung von sozialem Zusammenhalt, friedlichem Zusammenleben und Aussöhnung. Wie mehrere erfolgreiche Initiativen gezeigt haben, können Kunst und Kultur dazu beitragen, fruchtbare Gespräche über schwierige Themen wie Spannungen zwischen den Gemeinschaften und politische Gewalt anzuregen und positive Veränderungen in lokalen Gemeinschaften herbeizuführen. Sie haben auch das Potenzial, Barrieren des Dialogs aus dem Weg zu räumen und einen sicheren Raum für den Austausch unterschiedlicher Sichtweisen zu schaffen.

Vor allem Theaterspielen gilt als geeignetes Mittel für lokale Gemeinschaften, um Fragen des Zusammenlebens zu erörtern, verschiedene Konfliktdarstellungen zu präsentieren und soziale Ungerechtigkeiten zu diskutieren.

Auf der ganzen Welt setzen internationale Organisationen Kunst und Kultur ein, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern und Hassrede zu bekämpfen. KAICIID ist davon überzeugt, dass Kunst Menschen zusammenbringt und ihnen hilft, schwierige, aber dringend notwendige Gespräche zu führen. Das Dialogzentrum hat mehrere lokale Initiativen unterstützt, die mittels Kunst versuchen, eine Botschaft des Friedens und des sozialen Zusammenhalts zu vermitteln.

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Kunst als „verbindende Kraft“

Im Libanon wird Kunst als Werkzeug eingesetzt, um interreligiöse und konfessionelle Spannungen zu entschärfen und den Extremismus unter Jugendlichen zu bekämpfen. Das Land hat mehrere politische, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen zu bewältigen, die sich mit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie noch verschärft haben. Der Mangel an grundlegenden Gütern wie Treibstoff und Wasser hat zu verstärkten Spannungen zwischen verschiedenen Sekten und religiösen Gruppen beigetragen.

Mit Unterstützung von KAICIID hat die Organisation Women's Platform to Lead (WPL) im Libanon die Aktion „Künstlerische Botschaften zur Förderung des Dialogs und einer toleranten Gesellschaft“ ins Leben gerufen. Damit sollen im Bezirk Baalbek-Hermel vor allem junge Menschen für die Bedeutung von Dialog und Toleranz sensibilisiert, das Zusammenleben und die Akzeptanz zwischen den Religionen gefördert werden.

Kinder besuchen den Luxor-Tempel, das Kloster Anba Bakhomious und die Abu Alhajjaj Luxory-Moschee

WPL mobilisierte rund 60 Mitwirkende für die wichtigste Aktivität, ein Theaterstück mit dem Titel „Das verzauberte Dorf“. Das Team wurde in zwei Gruppen aufgeteilt und in den verschiedenen erforderlichen Techniken geschult.

Eine Gruppe lernte das Schreiben von Theaterstücken und Schauspielern. Die andere Gruppe wurde in Film-, Beleuchtungs- und Videobearbeitungstechniken geschult, um Werbevideos für die sozialen Medien zu produzieren. Das Stück wurde in drei großen sunnitischen und schiitischen Städten der Region gezeigt.

Bassam Baki, Projektkoordinator bei Women's Platform to Lead (WPL), erklärt, dass „Kunst in all ihren Formen sowohl ein Medium als auch ein Werkzeug ist. Sie hat die Kraft, Konfliktparteien zusammenzubringen und es ihnen zu ermöglichen, sich für eine Sache zu engagieren – für den Frieden und den sozialen Zusammenhalt.“

Alle Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer sind zwischen 14 und 25 Jahre alt. „Dies ist die Bevölkerungsgruppe, die im Libanon am meisten vernachlässigt wird und zugleich für Extremismus anfällig ist“, erklärt Baki.

Das Projekt kommt laut dem Koordinator zu einem wichtigen Zeitpunkt, da politisch motivierte Gewalt im Zusammenhang mit den Parlamentswahlen zugenommen hat.

Baki meint, dass Kunst „magische Kräfte“ hat. „Der Einsatz von Kunst im interreligiösen Dialog schafft ein sicheres Umfeld für die Beteiligten, in dem sie ihre Meinungen äußern und sich freier ausdrücken können. Außerdem werden so Spannungen zwischen verschiedenen oder miteinander in Konflikt stehenden religiösen Gruppen abgebaut. Kunst ist eine verbindende Kraft“, fügt er hinzu.

Das Projekt baut auf einer früheren Aktion auf, die ebenfalls in Zusammenarbeit mit KAICIID durchgeführt wurde: „Häusliche Gewalt mit Hilfe von Kommunikationsmitteln reduzieren“. Baki erklärt, dass „die Erfahrungen aus der Durchführung des früheren Projekts mit KAICIID der WPL geholfen haben, das aktuelle professionell durchzuführen und ein Netzwerk mit den lokalen Gemeinschaften aufzubauen.“

Ursprünglich sollten 30 Menschen an dem Vorhaben teilnehmen, doch als die Ausschreibung für den Workshop auf Facebook veröffentlicht wurde, gingen über 100 Bewerbungen ein. Etwa 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren schließlich an der Aufführung des Stücks beteiligt.

Hassan Ismail, einer der Mitwirkenden, sagt, dass das Stück aufgrund vorangegangener Bemühungen auf professionelle Weise aufgeführt wurde. Die Teilnahme an früheren Workshops zum Thema Meinungsfreiheit habe ihn auf dieses Projekt vorbereitet. Er fügt hinzu, dass alle Praktiken und Erfahrungen, die bei den Improvisationen in den vorherigen Projekten gesammelt wurden, dazu geführt haben, dass das Stück gut produziert werden konnte.

Das Theaterstück erzählt die Geschichte eines jungen arbeitslosen Mannes, der darum kämpft, Arbeit zu finden, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und mit der Frau, die er liebt, ein Haus zu bauen. Es kritisiert die politische Elite im Libanon und die populistische Politik, die die konfessionelle Spaltung verstärkt. 

Vom Libanon nach Ägypten: Kunst verbindet Menschen

In Ägypten wurde von der Organisation „Herz Ägyptens für Bildung und Entwicklung“ ein weiteres Projekt mit dem Titel „Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen in Oberägypten“ gestartet. Das Projekt zielt darauf ab, die Werte der Gleichstellung und Gerechtigkeit zu verbreiten. Kunst, Sport und Dialog sollen als Instrumente zur Verbreitung der Werte des friedlichen Zusammenlebens und der Toleranz eingesetzt werden. Das Projekt konzentriert sich auf die Dörfer des Regierungsbezirks Luxor und ist die Fortsetzung einer von KAICIIDs Dialog-360-Initiativen des Jahres 2020.

Projektkoordinator Sameh Sabet Ata Soliman erklärt die Bedeutung des Projekts in seinem Zielgebiet: „Luxor ist einer der wichtigsten Orte in Oberägypten. Die Stadt gilt als Kulturzentrum und ist hauptsächlich vom Tourismus abhängig. Sie verfügt über archäologische Sehenswürdigkeiten, einschließlich pharaonischer, koptischer und islamischer Stätten. Das Bildungsniveau in den Dörfern ist allerdings niedrig, was häufig zu Auseinandersetzungen zwischen koptischen und muslimischen Gläubigen führt. Daher sind Projekte wie dieses für die Region so wichtig.“

Das Projekt in Luxor konzentriert sich auf die Schulung von etwa 100 christlichen und muslimischen Jugendlichen, um ihr Wissen über die Bekämpfung von Hassrede zu verbessern. In diesen Workshops wird Kunst weitgehend als Instrument eingesetzt. Außerdem werden im Rahmen des Projekts drei weitere Initiativen unterstützt: zur Bekämpfung von Hassrede, zur Förderung von Frieden und Kooperation sowie zum Schutz der verschiedenen religiösen Stätten in Luxor. Darüber hinaus werden 20 Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen darin geschult, wie sie das Miteinander von Kindern verschiedener Religionen fördern und Frühwarnzeichen für Diskriminierung erkennen können. 

Für Soliman, wie auch für Baki, ist „Kunst eine verbindende Kraft“. Er fügt hinzu, dass „die Vermittlung von Ideen mit Hilfe der Kunst viel ansprechender ist als mit herkömmlichen Mitteln, insbesondere bei jungen Menschen“.

Soliman lobt das Engagement der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie des Publikums in den sozialen Medien. Für ihn wäre der Erfolg des Projekts „ohne die nachhaltige Unterstützung von KAICIID nicht zu erzielen gewesen“.

Lubna Jaber, eine der Teilnehmerinnen, erzählt, dass sie zum ersten Mal an einem Workshop über Zusammenleben und Toleranz teilgenommen hat. Sie habe dabei viel gelernt. „Der wichtigste Aspekt dabei ist, dass Hass ein breites Spektrum umfasst; subtil und nicht so offensichtlich sein kann.“ Jaber sagt, dass diese Workshops sie dazu inspiriert haben, eine eigene Initiative in ihrer Gemeinde zu starten, die sich vor allem auf Mobbing aufgrund religiöser Differenzen in Schulen konzentriert.

Marihan Ahmed, eine weitere Teilnehmerin, äußerte ihr Interesse daran, eine eigene lokale Initiative zur Bekämpfung von Hassrede ins Leben zu rufen, nachdem sie einen der von Soliman organisierten Workshops besucht hatte.

„Kunst um der Kunst willen“ ist für Friedensstifterinnen und soziale Innovatoren in der arabischen Welt ein überholtes Konzept. Für diese Pioniere ist die Kunst ein Werkzeug, ein Medium und eine Methode, um positive Veränderungen in ihren Gemeinschaften zu bewirken.

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