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KAICIID Fellow leitet Meditation für erfolgreichen Dialog und hilft Familien in Uganda

Seit auf der ganzen Welt Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden, um die Verbreitung des Coronavirus zu bekämpfen, gibt es gleichzeitig einen alarmierenden Anstieg von häuslicher Gewalt.

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht über geschlechtsspezifische Gewalt berichtet das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, dass weltweit 243 Millionen Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren in den letzten zwölf Monaten Opfer von Missbrauch geworden sind. Jetzt, während der aktuellen Pandemie, befinden sich viele von ihnen mit ihren Peinigern unter demselben Dach und haben keine Ausweichmöglichkeiten. Kinder sind besonders verletzlich und werden oft Opfer von aufgestauter Wut, fehlgeleiteter Aggression oder Ungeduld.

KAICIID Fellow Nageeba Hassan aus Uganda sorgt sich um die Opfer häuslicher Gewalt. Diese sind aufgrund des Ausbruchs von COVID-19 und den daraus resultierenden Beschränkungen von Menschen und Ressourcen isoliert, die ihnen helfen sonst könnten. Als Reaktion darauf versucht sie, die Familien in ihrer Gemeinde zu unterstützen. Sie bietet Eltern und deren Kindern während der Ausgangsbeschränkungen interreligiöse Meditationssitzungen via Livestream an.

„Meditation ist wichtig, sie ist ein Mittel zum Dialog und zu gewaltfreien Lösungen. Besonders jetzt während der Pandemie, denn die Eltern stehen wegen verschiedener Dinge unter Druck. Dazu zählen Arbeitslosigkeit, Geld, Nahrung, Gesundheit, Schulversäumnisse der Kinder und fehlende Dienstleistungen. Die Armut macht die Lage noch schlimmer, da manche Menschen nur ein Zimmer für die ganze Familie zur Verfügung haben. Besonders gefährdet sind Kinder, denn wenn die Eltern wütend werden, reagieren sie oft schnell mit Bestrafung. Ich habe das Gefühl, dass durch Meditation alle ruhiger und sicherer werden können“ erklärt Nageeba.

Statistiken zeigen, dass eine von drei Frauen in Uganda mindestens ein Mal in ihrem Leben Opfer von körperlicher und/oder sexueller häuslicher Gewalt wird. Nageeba berichtet, dass Kinder dabei oft verletzt werden, entweder direkt oder indirekt, was zu Depressionen, Angst oder Furcht vor den Eltern führt. Viele dieser Kinder werden anderen gegenüber aggressiv, begehen Selbstmord oder laufen von zu Hause weg. Im Allgemeinen lernen Jungen, dass Gewalt gegen Frauen normal ist. Mädchen sehen, dass ihre Mütter in Beziehungen bleiben, die von Gewalt geprägt sind. Sie wachsen mit dem Denken auf, das das von ihnen auch erwartet wird. Dieser gefährliche Kreislauf kann zu einer Generation von jungen Menschen führen, die Missbrauch und Gewalt in der Familie normalisiert. Die Situation muss richtig angegangen werden, bevor es zu spät ist.

Zusammenhalt der Familie stärken

Nageeba beschreibt häusliche Gewalt als ein Monster mit vielen Gesichtern, weil sie viele Formen hat.

„Eltern zanken sich, misshandeln sich gegenseitig und streiten vor den Augen der Kinder. Lokale Fernsehsender in Uganda haben darüber berichtet, wie Ehemänner und Ehefrauen einander und ihre Kinder umbringen. In meiner Gemeinde hatten wir keinen Fall von ermordeten Kindern, aber wir haben mehrere Fälle von Missbrauch, darunter einen inklusive einer Messerstecherei. Die Situation ist wirklich schlimm“, erzählt sie.

Nageeba sieht Elternschaft als eine Fähigkeit, die leider in einigen ugandischen Familien fehlt. Normalerweise verbringen die Kinder die meiste Zeit in der Schule, was aufgrund der Pandemie jetzt nicht mehr der Fall ist. Sie weiß, dass Eltern oft schnell zu Gewalt greifen, anstatt Methoden zu suchen, um die Situation positiv zu lösen.

Schon bevor die Pandemie die Welt veränderte, hat Nageeba mit ihrer Organisation „Restoring and Empowering Communities“ ein umfassendes Programm für Eltern geleitet. Eltern würden nicht erscheinen, wenn sie zu einer Sitzung über häusliche Gewalt eingeladen wären. Deshalb hat sie das Thema häusliche Gewalt in einer Sitzung mit dem Titel „Eltern-Kind-Kommunikation“ gebündelt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen über gewaltfreie Kommunikation, den Umgang mit verschiedenen Altersgruppen, Meditation und Dialog.

Nageeba hat durch ihre Arbeit das Leben vieler Menschen verändert. Nach Abschluss des Programms sprachen mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer über ihre Erfahrungen mit häuslicher Gewalt bei sich in der Familie. Unabhängig davon, ob sie Opfer oder Täter waren – ihr Feedback lautete, dass das Programm dazu beigetragen hat, Spannungen in ihrem Heim durch Dialog abzubauen.

Interreligiöser Ansatz zur Meditation

Nageeba möchte, dass alle an ihren Meditationen teilnehmen können und verfolgt daher einen interreligiösen Ansatz. Mit der Umsetzung dieser Methode begann sie erstmals während ihrer Zeit als Dozentin für Islamische Studien als Teil der Sozialkunde an der Schule „Aga-Khan Education Service“ in den Jahren 1999 bis 2006. An der Schule wurden über eintausend Kinder unterrichtet, die Nageeba als sehr aktiv und unruhig beschreibt. Sie musste Wege finden, sie zu unterstützen und den Unterricht sinnvoll zu gestalten. Daher verwendete sie Visualisierungstechniken gepaart mit Meditation.

„Es ist wie ein Spiel, bei dem die Kinder eingeladen werden, an einem bequemen Ort zu sitzen und tief einzuatmen. Sie sollen sich auf die ein- und ausströmende Luft konzentrieren und dabei den Unterschied wahrnehmen. Die Anleitung beginnt mit schönen Dingen, die sie gewohnt sind und gut kennen: Farben, Zeichentrickserien, Essen, Spiele oder Filme. Danach wähle ich aus, worauf ich mich konzentrieren möchte. Das sind zum Beispiel Freundlichkeit, Teilen, Vergebung, gewaltfreie Problemlösungen, wie man Menschen hilft, die krank sind, ohne selbst krank zu werden. Im Grunde alles, was einen guten Dialog braucht“, erklärt sie.

Ihre Methode erlaubt es den Kindern, zu reflektieren und nachzudenken. Oft kommen sie aus der Meditation heraus, als hätten sie einen Dialog mit sich selbst geführt. Die Sitzungen helfen ihnen, dringend benötigte Fähigkeiten und Werte wie Einfühlungsvermögen und Respekt zu entwickeln. Sie ermöglichen den Kindern auch, eigene Lösungsansätze zu finden.

Religiöse Führerinnen und Führer einbeziehen

Nageebas Gemeinde Kasengejje Wakiso besteht überwiegend aus fünf religiösen Gruppen. Darunter sind Anhängerinnen und Anhänger der Siebenten-Tags-Adventisten, der Pfingstgemeinde und katholischer, anglikanischer sowie islamischer Glaubengemeinschaften. Das Programm ihrer Organisation ist dem Schutz von Kindern gewidmet. Nageeba plant, die religiösen Führerinnen und Führer dieser Gemeinschaften in den mehreren Bereichen auszubilden. Darunter sind interreligiöser Dialog, Kinderschutz, Verhinderung aller Formen von Missbrauch, Verhinderung von Radikalisierung und Unterstützung der Deradikalisierung von Extremistinnen und Extremisten. Sie will dieses Programm auch auf Kulturschaffende, Gemeinderatsvorsitzende, Strafverfolgungsbehörden, Gemeindeälteste, weibliche Führungspersönlichkeiten sowie Jugendleiterinnen und -leiter ausweiten.

Bisher hat Nageeba dreißig Haushalte erreichen können und vier Treffen mit Frauen in ihrer Gemeinde abgehalten. Diesen Treffen folgten zwei weitere mit Jugendlichen, zehn Leseveranstaltungen mit Kindern, eine Sitzung mit lokalen Behörden und sechs Treffen mit Familien in der Gemeinde. Darunter war auch eine Familie mit einem Kind mit besonderen Bedürfnissen. Nach Abschluss der Schulungen plant sie eine gemeinsamen Dialogsitzung, um alle verschiedenen Gruppen mit den Regierungsbeamtinnen und -beamten in ihrer Region in Verbindung zu bringen. Denn Nageeba ist überzeugt, dass alles, was an der Basis geschieht, auf die nächste Ebene übergehen muss, damit nachhaltige Wirkung geschaffen werden kann.

Sobald dies alles erledigt ist, erwartet Nageeba, dass alle Kinder die Kontaktinformationen aller notwendigen Menschen und Institutionen in der Gemeinde kennen. Neben den Eltern oder Erziehungsberechtigten sowie Betreuerinnen und Betreuern sollen auch andere inkludiert sein. Religiöse Führungspersönlichkeiten, Schulleiterinnen und -leiter sowie Lehrpersonen, Polizei, Gemeinderat, die Nachbarschaft sowie Frauen und Jugendleiterinnen und -leiter in der Gemeinde sollen den Kindern bekannt sein.

Nageebas Traum ist es, ein Netz der Unterstützung zu haben, in dem jeder auf den anderen aufpasst und jeder sich um den anderen kümmert. Sie arbeitet daran, dieses Netz zu schaffen, indem sie die von ihr geleiteten Programme darauf ausrichtet, Familien durch Meditation und Dialog zu stärken. Denn gesunde Familien sind das Herz einer gesunden und integrativen Gemeinschaft. Sie ist davon überzeugt, dass soziale Unterstützung dringend notwendig ist und dass religiöse Führerinnen und Führer einen wirklichen Unterschied machen können, wenn sie Botschaften der Hoffnung aussenden sowie Beratung und spirituelle Führung anbieten.

„Ich versuche, in meiner Gemeinschaft eine Kultur des Dialogs aufzubauen“, so Nageeba. „Ich brauche einfach starke Partnerschaften und Unterstützung. Ich meine dabei aber nicht die Unterstützung für eine eintägige Veranstaltung, sondern eher für ein langfristiges Programm, denn eine neue Kultur kann nicht über Nacht aufgebaut werden.“

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