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Interreligiöse Vermittler bemühen sich um ein Ende der zunehmenden Gewalt in Nigeria

12 Mai 2021
Religiöse und traditionelle Führerinnen und Führer bei der Generalversammlung des Interreligiösen Dialogforums für Frieden. Die Einbindung lokaler Führungspersönlichkeiten ist besonders in ländlichen Gemeinden für die Konfliktprävention von entscheidender Bedeutung. Foto: Godwin Oisi

Trotz der Aufrufe zu einem weltweiten Waffenstillstand während der Coronavirus-Pandemie hat sich der brutale Konflikt in Nigeria im vergangenen Jahr stetig verschlimmert. Entführungen durch Boko Haram und andere extremistische Gruppen haben die internationalen Schlagzeilen beherrscht. Ernährungsunsicherheit und hohe Arbeitslosigkeit, verschärft durch eine sich abschwächende Weltwirtschaft, haben weitere Unruhen ausgelöst.

Inmitten der Gewalt, die ganz Nigeria beherrscht, konzentrieren sich lokale interreligiöse Vermittlerinnen und Vermittler, die von KAICIID unterstützt werden, auf den weniger bekannten, aber unverhältnismäßig tödlichen Konflikt zwischen Bauern und Hirten. Die Mitglieder der Vermittlungsteams glauben, dass Menschen an der Basis am ehesten in der Lage sind, das Blutvergießen zu stoppen, vor allem, weil sie die Herausforderungen in ihren unmittelbaren Gemeinden kennen.

„Die Sicherheitslage ist schlecht“, berichtet Abigail Gire, ein Mitglied der Mediationsgruppe im Bundesstaat Benue. „Die Krise zwischen Bauern und Hirten behindert das Leben aller.“

Nomadische Fulani-Hirten, die jedes Jahr auf der Suche nach Wasser durch Afrikas riesige Sahelzone nach Süden ziehen, sind mit den örtlichen nigerianischen Bauern wegen der schwindenden Ressourcen in Konflikt geraten. Da die Hirten überwiegend muslimisch und die Bauern hauptsächlich christlich sind, hat der Konflikt religiöse Untertöne angenommen.

Der nigerianische Konflikt zwischen Bauern und Hirten erfährt zwar weniger Berichterstattung, ist aber sechsmal tödlicher als der Aufstand der Boko Haram. Er hat bereits tausende Menschenleben gefordert und eine Flüchtlingskrise von großem Ausmaß ausgelöst.

Laut Gire sind die von der Regierung kontrollierten Lager für Binnenvertriebene im Bundesstaat Benue überfüllt. „Wir haben acht Lager mit jeweils mehr als 2.000 Personen, von denen die meisten Kinder sind. Viele junge Menschen kämpfen ums Überleben.“

Sozialer Zusammenhalt in Aktion

Die Mitglieder der interreligiösen Vermittlungsteams setzen Techniken der Frühwarnung und schnellen Reaktion (EWER) ein, um Anzeichen von Konflikten zu erkennen oder wachsende Spannungen zwischen Gemeinschaften abzubauen. Zehn dieser Teams gibt es in den nördlichen und südlichen Bundesstaaten Nigerias, die mit Unterstützung von KAICIID und dem Interfaith Dialogue Forum for Peace (IDFP) eingerichtet wurden.

Religion ist ein besonderes Identitätsmerkmal in Nigeria. Die Teams bestehen daher aus Menschen, die sowohl aus christlichen als auch aus muslimischen Gemeinschaften kommen und damit ein sichtbares Beispiel für interreligiösen sozialen Zusammenhalt in Aktion setzen.


Was sind Frühwarn- und Schnellreaktionssysteme (EWER)?


Laut Gire haben diese gemeinsamen Anstrengungen geholfen, die lokalen Regierungen dabei zu unterstützen, Gewalt zu stoppen, bevor sie beginnt. „Kürzlich sprach eine unserer regionalen Regierungen wegen einer herausfordernden Sicherheitssituation davon, die Armee bestimmte Probleme regeln zu lassen. Die Regierung wandte sich dann an religiöse Führerinnen und Führer, um die Situation zu beruhigen.“

In Guma, wo Bauern und Hirten oft aneinandergeraten, brachten die mobilen Mediationsteams zwei streitende Personen zu einem Gespräch zusammen und halfen ihnen, ihre Differenzen zu lösen. Sie ermutigten sie sogar, eine gemeinsame Mahlzeit einzunehmen.

„Es gibt das Sprichwort, Vorbeugen ist besser als Heilen“, so Gire. „Jedes Mal, wenn wir bei solchen Versammlungen zu den Leuten sprechen, hören sie zu und halten sich an die Dinge, die ihnen gesagt werden. Es ist also wichtig, dass religiöse Führerinnen und Führer in Frühwarn-Techniken geschult werden.“

„Frühzeitige Reaktion ist proaktiv“

Muhammad Chindo Bose, Co-Vorsitzender des Mediationsteams des Bundesstaates Taraba, sagt, dass die Ausbildung in EWER-Techniken den religiösen Führern das Handwerkszeug gibt, um einen proaktiven Ansatz bei der Konfliktvermittlung zu verfolgen. Diese Strategie ist besonders in Ländern wie Nigeria wichtig, wo es wenig Sicherheitskräfte der Regierung gibt und die ländlichen Gemeinden oft auf sich allein gestellt sind.

„Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, immer dann, wenn es irgendwo eine Krise gibt, mit den religiösen Führerinnen und Führern der Gemeinde in Kontakt zu treten und Wege zu finden, die Probleme selbst anzugehen“, erklärt Bose. „Sicherheit ist reaktiv, während frühe Reaktion proaktiv ist.“

Neben dem Konflikt der Bauern und Hirten war Bose auch im Rahmen der interreligiösen Spannungen in Taraba aktiv. Dabei ging es unter anderem um eine Krise zwischen einem muslimischen Mann und einer Frau, die kürzlich vom Christentum zum Islam konvertiert war. Nachdem sie sich ihren Eltern widersetzt hatte und zu dem Mann gezogen war, brachten ihre Eltern die Angelegenheit vor Gericht und behaupteten, sie sei entführt worden, so Bose.

„Wir luden die Betroffenen ein und unsere Teams, die aus christlichen und muslimischen Personen bestehen, konnten die Angelegenheit rasch lösen. Niemand will eine Krise.“

WaheedAbdul Lawal, Co-Vorsitzender der interreligiösen Vermittlungsstelle des Bundesstaates Oyo, sagt, dass sich die Spannungen zwischen Bauern und Hirten in seinem Bundesstaat in den letzten Monaten verschärft haben, da die Fulani in mindestens zehn Regierungsbezirken unrechtmäßig Weideland besetzt haben.

„Es gibt täglich Berichte, dass Hirten mit ihren Rindern zu den Yoruba-Bauern ziehen und deren Ernte auffressen“, so Lawal. „Die Bauern beklagen sich über die unaufhörliche Zerstörung von Ackerland durch die Fulani, was oft zu Konflikten führt.“

Eine Chance für den Frieden

Laut Lawal ermöglicht es den religiösen Persönlichkeiten in diesen Fällen die Nähe zur Gemeinde, erfolgreich in Konflikten zu vermitteln, wie es Regierungsbeamte manchmal nicht können.

Regelmäßige Gebete und Versammlungen in den Gotteshäusern bringen religiöse Führerinnen und Führer in Kontakt mit ihren Gemeindemitgliedern. „Es ist einfach für sie, über frühe Warnzeichen informiert zu werden und schnell zu reagieren. Aufgrund der Bürokratie würde die Regierung auf einige dieser Anzeichen erst mit Verzögerung reagieren. Wir stärken, unterstützen und sensibilisieren weiterhin religiöse Führerinnen und Führer, um angemessen zu reagieren.“

Gire erklärt, dass trotz der Bereitschaft, weitere Schulungen für religiöse Führerinnen und Führer anzubieten, Armut und Zugang zu Technologie weiterhin dringliche Themen im Land sind. „Wir wollten religiöse Führer und lokale Regierungsbeamte ansprechen, damit wir alle Ecken und Enden des Staates erreichen. Aber die Herausforderung ist, dass die meisten der religiösen Führer Flüchtlinge sind und kein Telefon haben.“

In seinem eigenen Bundesstaat hofft Lawal auch auf mehr finanzielle Mittel, um weitere Programme zu organisieren und die Reichweite zu erhöhen, zumal sich die ersten Bemühungen als so erfolgreich erwiesen haben.

„Wir fordern die Menschen auf, dem Frieden eine Chance zu geben“, so Lawal, „und glücklicherweise reagieren die Menschen darauf.“

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