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Im Vorfeld des Europäischen Forums für politischen Dialog werden die Herausforderungen von Städten bei der Integration diskutiert

9 Juni 2022
Portuguese High Commissioner for Migration, Sonia Pereira, speaks during a panel discussion at the pre-EPDF workshop in Nacka/Sweden.
Die portugiesische Hochkommissarin für Migration, Sónia Pereira, spricht bei einer Podiumsdiskussion im Vorfeld des Europäischen Forums für politischen Dialog in Nacka, Schweden.

Mehr als 40 religiöse Persönlichkeiten, Vertreterinnen und Vertreter von Flüchtlingshilfsorganisationen sowie politische Entscheidungsträgerinnen und -träger kamen bei einem Arbeitstreffen in Stockholm zusammen, um über Herausforderungen und Möglichkeiten der sozialen Integration von Flüchtlingen, Migrantinnen und Migranten in Europas Städten zu diskutieren.

Die Zusammenkunft wurde gemeinsam vom Internationalen Dialogzentrum (KAICIID), dem Netzwerk für Dialog und dem Europäischen Rat der Religionsführer (ECRL) mit Unterstützung des OSZE-Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte (BDIMR) organisiert. Es ist Teil des Vorbereitungsprozesses für das vierte jährliche Europäische Forum für politischen Dialog, das für November geplant ist. Vor dem Workshop hielt das Netzwerk für Dialog seine 7. Ordentliche Versammlung ab, die von God's House – einem gemeinschaftlichen interreligiösen Begegnungszentrum in Schweden – mitorganisiert und ausgerichtet wurde.

Städte bieten Flüchtlingen eine Fülle von Möglichkeiten

Den Auftakt der Veranstaltung bildete ein interreligiöses Friedensgebet mit mehr als 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus verschiedenen Religionen. Es war das größte interreligiöse Friedensgebet in der Geschichte von God's House. Laut Vikar Carl Dahlbäck spiegelte die Versammlung den Auftrag seiner Organisation wider, „Räume zu schaffen, in denen Menschen zusammenkommen und entdecken können, wie viel wir gemeinsam haben“.

Während des anschließenden zweitägigen Workshops befassten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den Herausforderungen, denen sich Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten in den europäischen Städten stellen müssen. Dazu gehören die Zunahme von Hassrede und Diskriminierung sowie die Notwendigkeit besserer Partnerschaften, um eine reibungslose Integration zu gewährleisten.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Workshops

Nach Angaben des UNHCR leben mehr als 60 Prozent der Flüchtlinge weltweit in Städten. Dort haben sie oft bessere Chancen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, eine Ausbildung zu erhalten und für sich selbst zu sorgen. Auf der anderen Seite haben sie unter Umständen nur begrenzten Zugang zu Wohnraum, Gesundheitsversorgung und gut bezahlten Arbeitsplätzen. Diese Ungleichheiten können die Spannungen zwischen den Gemeinschaften verschärfen und zu Isolation führen.

„Europäische Städte von Paris bis Stockholm, von London bis Berlin sind Drehkreuze für verschiedene internationale Gemeinschaften“, erläuterte Elham Alshejni, interimistische stellvertretende Generalsekretärin von KAICIID, während des Workshops. „Doch obwohl unsere Städte eine Vielzahl von Möglichkeiten bieten, stehen sie auch vor der Herausforderung sozialer Polarisierung und Diskriminierung.“

Laut Dr. Kishan Manocha, Leiter des Bereichs Toleranz und Nichtdiskriminierung im OSZE-Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte (BDIMR), beginnt das Schaffen von Städten, die den Zusammenhalt fördern, in den Vierteln. „Hier entstehen oft wertvolle und effektive Partnerschaften, auch zwischen und mit religiösen Akteurinnen und Akteuren. Wir müssen lernen, wie wir Gemeinschaften aufbauen können, die die Fähigkeiten und Talente der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen nutzen und sich gemeinsam für die Verbesserung ihres Umfelds einsetzen.“

Förderung der interreligiösen Vielfalt in Malmö

Im Verlauf des Workshops nannten die Anwesenden zahlreiche Beispiele auf Gemeindeebene, die die Situation der Flüchtlinge verbessert haben.

So berichteten die Diskussionsteilnehmer Rabbi Moshe David Hacohen und Imam Salahuddin Barakat von ihrer interreligiösen Initiative, die sie im schwedischen Malmö ins Leben gerufen haben – einer Stadt, die für ihre wenig positive Haltung gegenüber jüdischen und muslimischen Bürgerinnen und Bürgern bekannt ist.

Carl Dahlböck (God's House) begrüßt Mitglieder seines Netzwerks in Fisksätra, Schweden, zu einem interreligiösen Friedensgebet in der Kirche.

Etwa ein Drittel der 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner Malmös sind muslimischen Glaubens. Angesichts der zunehmenden Besorgnis in der Stadt über die wachsende Zahl von Einwanderern wurden Moscheen und Synagogen verwüstet und Gläubige auf der Straße verbal belästigt.

Rabbiner Hacohen und Imam Barakat sind gemeinsam in Malmös Schulen unterwegs, um Respekt für unterschiedliche Kulturen zu vermitteln und einen Dialog über Inklusion anzustoßen. Im Dezember 2019 wurden sie von der Stadt mit einem Menschenrechtspreis für ihre Bemühungen ausgezeichnet. Obwohl sie sagen, dass noch ein langer Weg vor ihnen liegt, konnten sie zahlreiche Verbesserungen in der Einstellung gegenüber den religiösen und ethnischen Minderheiten Malmös beobachten.

Verständnis der multireligiösen Dynamik in Städten

Der Europäische Rat der Religionsführer (ECRL) hat Anfang des Jahres in Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat eine eigene Städteinitiative gestartet. Im Rahmen des Projekts „Metropolitan Regions“ werden interreligiöse Delegationen europäische Städte besuchen, um deren jeweilige interkulturelle und multireligiöse Dynamik besser zu verstehen, erklärte Pfarrer Dr. Thomas Wipf, Präsident von ECRL / Religions for Peace Europe.

„Wir wollen verstehen, mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert sind und welche bewährten Praktiken sie eingeführt haben, um den Aufbau einer solidarischen, inklusiven städtischen Gesellschaft zu unterstützen“, führte er weiter aus.

Den „Tsunami“ der Hassrede eindämmen

Während der gesamten Veranstaltung haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch darüber nachgedacht, wie man spaltende Rhetorik und Diskriminierung, die zu den größten Hindernissen für den Zusammenhalt der Gemeinschaft gehören, beenden kann.

Nach Angaben der Vereinten Nationen löste die Coronavirus-Pandemie in Ländern auf der ganzen Welt „einen Tsunami an Hass und Fremdenfeindlichkeit, Sündenbock-Denken und Panikmache“ aus. Auch verbale Belästigungen und Todesdrohungen nahmen zu, insbesondere gegen Flüchtlinge und religiöse Minderheiten.

Jelena Đurđević vom Flüchtlingsdienst der Jesuiten in Serbien und andere Mitglieder des Netzwerks für Dialog trafen einander in Schweden zu ihrer 7. Ordentlichen Versammlung.

Der überwiegende Teil der Flüchtlinge in Europa hat heute muslimischen Hintergrund. Im Jahr 2015 kamen fast 1,3 Millionen Menschen nach gewaltsamen Konflikten in Ländern wie Syrien, Irak und Afghanistan nach Europa.

In dem Bemühen, Hassrede zu bekämpfen und das Bild positiv zu verändern, haben irische Muslime bewusst enge Beziehungen zu lokalen Journalistinnen und Journalisten aufgebaut, erklärte Shaykh Umar Al-Qadri, Vorsitzender des „Irischen Muslimischen Friedens- und Integrationsrates“ und Oberster Imam des Islamischen Zentrums von Irland. Dies hat die Berichterstattung verbessert und zu einer positiveren Wahrnehmung muslimischer Flüchtlinge beigetragen.

Al-Qadri rief Menschen mit muslimischem Hintergrund, darunter auch Flüchtlinge, dazu auf, weiter gegen Hassrede vorzugehen, indem sie Partnerschaften mit anderen betroffenen Gruppen – wie der jüdischen und der LGBTQI-Gemeinschaft eingehen – um den Respekt für andere Glaubensrichtungen und Einstellungen zu fördern.

Voneinander lernen

Erfahrungsberichte, wie sie während des Workshops ausgetauscht wurden, sind für die Verbesserung der Integrationspolitik und -strategien in Städten in ganz Europa von entscheidender Bedeutung, sagte Sónia Pereira, Hohe Kommissarin für Migration in Portugal.

„Wir haben nicht oft die Möglichkeit, unseren Zugang mit anderen Ländern zu diskutieren und von anderen Erfahrungen zu lernen. KAICIID hat dafür einen geeigneten Raum geschaffen, der es uns ermöglicht, verschiedene Standpunkte auszutauschen. Das Dialogzentrum bringt dafür religiöse und zivilgesellschaftliche Organisationen, staatliche Stellen, Gemeinden und andere zusammen.

Weitere Empfehlungen zur Verbesserung der Integration wurden während des zweitägigen Treffens des Netzwerks für Dialog ausgetauscht, das am Rande des Workshops stattfand. Dabei diskutierten Vertreterinnen und Vertreter von 22 Mitgliedsorganisationen über Möglichkeiten des politischen Engagements und die Stärkung des Vertrauens in die Gemeinschaft durch Dialog.

Die Empfehlungen des Workshops und des Treffens des Netzwerks für den Dialog werden die Grundlage für die Diskussionen auf dem Europäischen Forum für den politischen Dialog im November in Barcelona bilden.

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