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ONZE VERHALEN

Als sie sieben Jahre alt war, verkündete eine Spielkameradin von Ruth Ouazana, dass sie sich nicht „die jüdische Krankheit“ von Ruth, der Tochter marokkanisch-jüdischer Eltern, einfangen wolle. Ruth Ouazana war von dieser boshaften Bemerkung verblüfft, denn sie waren beide Kinder von Eltern mit afrikanischem Migrationshintergrund.

Welcher Teil ihrer Identität könnte jemanden dazu bringen, sich zu fürchten, von ihr mit einer Krankheit infiziert zu werden? Dieser Moment markierte das Ende von Ruths Zeit der Unschuld und in vielerlei Hinsicht den Beginn einer lebenslangen Suche nach einem besseren Verständnis der jüdischen Identität sowie den Schnittmengen ihrer Religion mit anderen Glaubensrichtungen.

Nach dieser ersten Begegnung mit Antisemitismus begann Ruth, sich intensiver mit dem Judentum zu befassen. Sie war auf allen Kontinenten unterwegs, brach Barrieren nieder und baute auf ihrem Weg neue Gemeinschaften auf.

Innerhalb der Weltpfadfinderorganisation stieg sie zur Generalsekretärin des „Internationalen Forums Jüdischer Pfadfinder“ auf. Sie gründete auch „Limoud“, den französischen Teil einer jüdischen Basisbewegung für Bildung.

Parallel dazu arbeitete sie als Anwältin in Frankreich, mit zusätzlichen Einsätzen in Großbritannien und Israel. Beim Weltpfadfindertreffen in Yamaguchi City, Japan, im Jahr 2015 erfuhr Ruth erstmals von KAICIID. Folglich entdeckte sie die Dialogprinzipien des Zentrums.

„Die Wurzeln von morgen“

Gleichzeitig hatte ihre Heimat Frankreich Schwierigkeiten, den richtigen Ansatz für die multikulturelle Vielfalt des Landes zu finden. Besorgt über die wachsende Spaltung der Gesellschaft gründeten Ruth und ihr Mann „Die Wurzeln von morgen“ (The Roots of Tomorrow). Dabei handelt es sich um eine Schulungsinitiative, die sich auf den interreligiösen Dialog und den Umgang mit kulturellen Unterschieden zwischen christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinschaften konzentriert.

Seitdem hat der Erfolg ihres Projekts zusammen mit den Fähigkeiten, die sie in der Ausbildung zum Fellow erworben hat, zu ähnlichen Initiativen geführt.

Ruth hatte bereits zwei Jahrzehnte Erfahrung in interreligiösen Beziehungen, bevor sie im Jahr 2019 in den Kreis der European Fellows aufgenommen wurde. Doch sie ist sich sicher, dass sie durch das Programm wichtige theoretische Kenntnisse neben ihren Erfahrungen in der Praxis gewinnen konnte. „Das Programm hat dazu beigetragen, das Vertrauen in meine Herangehensweise an meine Arbeit zu stärken“, berichtet sie.

„Herz, Kopf, Hände“

In den Blended-Learning-Kursen des Fellows-Programms wurde ihr der „Herz, Kopf, Hände“-Ansatz zur Vermittlung dialogischer Prinzipien beigebracht. „Für mich ging es im Teil ‚Herz‘ darum, an Orte zu kommen, an denen Menschen beten, so dass sie es erfahren, leben und fühlen konnten“, so Ruth.

Der zweite Teil, „Kopf“, umfasste theologische Studien. Hier hat sich Ruth an „La Pastorale du Tourisme“ gewandt. Dies ist ein Dienst der sozialen und spirituellen Unterstützung, der sich Schulen sowie Touristinnen und Touristen in Lyon widmet. Ruth unterrichtete die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Dienstes über die Religionen der Menschen, die in ihre Seelsorge kommen.

Der dritte Teil der Ausbildung der Fellows, „Hände“, beinhaltete ein praktisches Dialogtraining. Ruth hat dabei den Ausführenden des Dienstes Prinzipien für den Umgang mit Menschen verschiedener Glaubensrichtungen und die Anwendung dieser Prinzipien in realen Situationen beigebracht.

Dies sind die gleichen Prinzipien, die Ruth zu ihrer ersten eigenen Initiative nach der Fellows-Ausbildung führten. Auch diese wurde von KAICIID unterstützt. Dabei handelt es sich um eine dreitägige immersive interreligiöse Erfahrung mit Trainingseinheiten für christliche, jüdische und muslimische Seelsorgerinnen und Seelsorger.

Als KAICIID im Jahr 2019 die erste europäische Fellows-Gruppe gründete, fragte sich Ruth zunächst, ob der neue regionale Ansatz wirklich besser zu ihr passen würde als das globale Programm, das das Zentrum bis dahin durchgeführt hatte.

„Dann wurde mir klar, dass die europäischen Fellows bereits viele Schnittmengen hatten, was die Kultur betrifft. Es hat uns wirklich geholfen, einander zu verstehen, als wir uns trafen. Wir hatten so viele gemeinsame Bezugspunkte, wie einen westlichen kulturellen Hintergrund und unsere Herkunft aus mehrheitlich christlich-demokratischen Ländern. Es hat sich tatsächlich als Vorteil für uns alle als Europäerinnen und Europäer erwiesen, mit mehr oder weniger dem gleichen gemeinsamen Wissen zu beginnen.“

In den wenigen Monaten, die seit dem Abschluss des Fellows-Programms vergangen sind, hat Ruth das Ausmaß der Gemeinsamkeiten zwischen den europäischen Gruppenmitgliedern zu schätzen gelernt.

Gemeinsam Herausforderungen bewältigen

So können sie einander helfen, um Ressourcen für die Gestaltung von Ansätzen besser zu nutzen. Diese Ansätze dienen der Bewältigung von Herausforderungen, mit denen sie in ihren lokalen Gemeinschaften konfrontiert sind. Zu Hause in Lyon hat die Frage der Gemeinsamkeiten eine besonders dringende Bedeutung bekommen.

Autoritätspersonen aus der Zivilgesellschaft haben sich an Ruth gewandt. Sie brauchten Hilfe beim richtigen Umgang mit unzufriedenen Jugendlichen, deren antisoziales Verhalten sie immer mehr an den Rand der lokalen Gesellschaft treibt.

„Wir wurden gebeten, Schulungen durchzuführen. Diese Autoritäten sagten uns, dass sie das dringende Bedürfnis verspürten, etwas zu tun, um die Art und Weise, wie sich junge Menschen verhalten, zu ändern“, berichtet Ruth.

Ruth hat ihnen ihr Pilotprojekt „Kopf, Herz, Hände“, ein Dialogtraining für zivilgesellschaftliche Führungspersönlichkeiten aus Vorstädten mit sozial schwacher Bevölkerung angeboten. Sie ist KAICIID dankbar, dass das Zentrum sie in der Anfangsphase ihres Projekts unterstützt und dessen Potenzial erkannt hat. Sie glaubt, dass dieser Vertrauensbeweis ihr geholfen hat, einen mutigen Zugang zu verfolgen.

Aktuell sieht sie bereits die ersten Spuren des Erfolgs. Es gibt die merkbare Motivation quer durch alle Religionsgemeinschaften, die verschiedenen kulturellen Strömungen, die das moderne Frankreich ausmachen, zusammenzubringen. Ein Imam hat Ruth indessen darum gebeten, dass jeder der geistlichen Führer in seiner Moschee an der nächsten Sitzung des Dialogtrainings teilnehmen kann.

„Ich möchte einfach, dass die Menschen sich wie Menschen verhalten“, so Ruth über ihre tatsächliche Mission. „Und ich will, dass sie sich menschlich verhalten.“

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