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Glaubenspersönlichkeiten setzen sich für humane Behandlung von Inhaftierten während COVID-19 ein

14 Aug 2020

Religiöse Führerinnen und Führer sowie Politikexpertinnen und -experten nahmen kürzlich an einem Webinar über die humane Behandlung von Inhaftierten teil. Dabei riefen sie die Regierungen in aller Welt dazu auf, die Gesundheit und die Menschenrechte von inhaftierten und festgehaltenen Personen während der COVID-19-Pandemie zu schützen.

Das Webinar, das am 12. August stattfand, wurde in Partnerschaft mit dem Internationalen Dialogzentrum (KAICIID), der Koalition der Glaubensorganisationen und dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) veranstaltet. Es war Teil einer laufenden Veranstaltungsreihe, die die Rolle religiöser Führerinnen und Führer als Antwort auf drängende Fragen der sozialen Gerechtigkeit wie Gewalt gegen Frauen, Armut und Klimawandel thematisiert.

Laut Angaben des Büros des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR) leben weltweit fast 11 Millionen Inhaftierte und andere Festgehaltene in oft überfüllten Einrichtungen unter unhygienischen Bedingungen. Der Mangel an Platz und Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung und Hygiene bedeutet große Hindernisse für die Prävention von COVID-19. Ebenso kann in Gefängnissen und Anhaltezentren auf der ganzen Welt nicht adäquat auf eine Infektion mit dem Virus reagiert werden.

Die Expertinnen und Experten des OHCHR befürchten, dass „eine unkontrollierte Verbreitung des Coronavirus innerhalb von Strafvollzugsanstalten wahrscheinlich zu einer unverhältnismäßig hohen Sterblichkeitsrate bei COVID-19 führen wird“. Ihrem Bericht zufolge droht sowohl Inhaftierten wie Festgehaltenen ein buchstäbliches Todesurteil.

„Wie wir auf COVID-19 reagieren, wird die Moral unserer Zeit widerspiegeln“,

meint Schwester Alison McCrary während des Webinars. Sie ist Präsidentin der Ortsgruppe Louisiana der Nationalen Rechtsanwaltskammer und religiöse Beraterin für zum Tode Verurteilte in Louisiana.

Sie argumentierte, dass die Gesundheit der Gefangenen nicht nur für die Wahrung der Menschenrechte, sondern auch für den Schutz der Gemeinschaften wichtig sei.

„Zum ersten Mal gibt es eine Gelegenheit, wirklich zu untersuchen, wie sich die Inhaftierung auf uns alle auswirkt. Eine Pandemie breitet sich aus und es gibt Menschen, die sich nicht sozial distanzieren und keine Präventionsmaßnahmen treffen können. Wenn sie dann nach Hause entlassen werden, sehen wir, wie das alles zusammenhängt“, berichtet sie.

FBOs können Finanzierungs- und Ressourcenlücken schließen

Dr. Karin Bruckmüller ist Universitätsprofessorin an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien und Expertin für Strafvollzugsrecht. Sie erklärte, dass glaubensbasierte Organisationen (FBOs) und religiöse Institutionen entscheidend dazu beitragen, dass Gefangene sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „in dieser Coronakrise nicht vergessen werden“.

„Die Strafvollzugssysteme müssen recht schnell auf hygienische und medizinische Maßnahmen reagieren, um Infektionen zu vermeiden“, meint sie und weist darauf hin, dass viele auch aus Mangel an Geld, Versorgungsmöglichkeiten und Platz daran gehindert werden.

Laut Bruckmüller ist dies die perfekte Gelegenheit für FBOs und religiöse Einrichtungen, um Finanzierungs- und Ressourcenlücken zu schließen.

Wenn Regierungen sich beispielsweise dafür entscheiden, minderjährige Straftäterinnen und -täter vorzeitig freizulassen, können Religionsgemeinschaften hilfreich sein, um vorübergehende Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. So kann sichergestellt werden, dass die entlassenen Gefangenen nicht obdachlos sind und sich selbst aber auch ihre Gemeinschaft keinem Ansteckungsrisiko aussetzen.

McCrary fügte hinzu, dass religiöse Organisationen auch bei Programmen der Resozialisierung behilflich sein könnten. Denn Personen, die bereits vor der Pandemie inhaftiert waren, kommen möglicherweise nicht mit den Anforderungen und sozialen Veränderungen in ihren Gemeinschaften zurecht.

„Es ist wichtig, das Tragen von Masken und andere Vorsichtsmaßnahmen zu normalisieren. Alle müssen dies tun, damit sich die Person, die aus dem Gefängnis nach Hause kommt, nicht weiter ausgegrenzt fühlt oder behandelt wird, als hätte sie eine Krankheit oder sei ein schlechter Mensch“, meint sie.

Inhaftierte brauchen dringend seelsorgerische Betreuung und psychische Gesundheitsversorgung

Für Personen, die weiterhin inhaftiert sind, nannte Bruckmüller einen dringenden Bedarf an seelsorgerischer Betreuung und Unterstützung, insbesondere mit psychiatrischen Diensten. Denn die Angst vor einer weiteren Ausbreitung der Pandemie in Gefängnissen und Anhaltezentren wird größer. Viele religiöse Einrichtungen bieten auch verstärkt Krankenhaus- und Gesundheitsdienste an, insbesondere für überfüllte Gefängnisse, die über keine Isolations- oder Quarantäneeinrichtungen verfügen.

„Wir dürfen auch die Familien in dieser außergewöhnlichen Situation nicht vergessen. Gerade hier sind die glaubensbasierten Organisationen gefordert. Ihre positive Arbeit kann die Angst auf allen Ebenen verringern“, fügt Bruckmüller hinzu.

Sie schlägt vor, dass Religionsgemeinschaften für Familienmitglieder, die keinen Zugang zu technischen Geräten haben, Computerstationen zur Verfügung stellen. So könnten diese mit ihren Angehörigen im Gefängnis virtuelle Gespräche führen. Dies ist besonders wichtig, um die psychische Gesundheit aller Beteiligten zu bewahren, da die meisten Gefangenen keine externen Besucherinnen und Besucher mehr empfangen dürfen und unter Einsamkeit und Isolation leiden.

Reverend George Harrison ist katholischen Priester und Gefängnisseelsorger aus Malaysia. In seinem Heimatland haben sich religiöse Führerinnen und Führer sowie Institutionen ganz besonders um die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der Gefangenen gekümmert. Sie haben wöchentliche Gottesdienste live ins Gefängnis gesendet und den Insassen digitale Mittel zur Verfügung gestellt, um sie mit der Seelsorge zu verbinden, da der direkte Kontakt derzeit verboten ist.

Harrison erklärt, dass diese digitalen Gespräche auch dazu beigetragen haben, religiöse Führerinnen und Führer auf verschiedene Hygienebedürfnisse der Gefangenen aufmerksam zu machen, wie zum Beispiel Bitten um Seifenstücke und Masken. In den letzten Monaten haben christliche, buddhistische und andere Glaubensgemeinschaften, zusätzlich zu FBOs und NGOs, Spendenaktionen durchgeführt und diese lebenswichtigen Produkte verteilt.

McCrary glaubt, dass dies positive erste Schritte sind, dass aber die Verantwortung für religiöse Institutionen und FBOs, der Forderung nach mehr Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit sowohl während als auch nach der Pandemie nachzukommen, erst am Anfang steht.

„Wir stehen vor der Frage, wie wir mit unserem eigenen Gewissen und der Welt, die wir künftigen Generationen hinterlassen, umgehen. Und wie wir kollektiv auf diese Pandemie reagieren, die uns auffordert, sie als Ausgangspunkt für den sozialen Wandel zu nutzen.“

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