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ONZE VERHALEN

Ein leitendes Licht: Wie religiöse Führerinnen und Führer gute Regierungsführung fördern können

Es bestehen kaum Zweifel daran, dass Religion einen Beitrag zu guter Regierungsführung leisten kann. Ehrlichkeit, Integrität, Selbstlosigkeit - Werte, für die sich Glaubensgemeinschaften weltweit einsetzen - sind schließlich Schlüsselbegriffe für faire Politikgestaltung.

Im Gefüge der religiösen Traditionen der Welt finden sich Lektionen für den Kampf gegen Korruption und die Notwendigkeit von Transparenz. Die Bedeutung von Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit zählen ebenso dazu. Das Coronavirus gefährdet den sozialen Zusammenhalt und strapaziert das Vertrauen der Öffentlichkeit in die politischen Institutionen. Daher ist es wichtiger denn je, die Gesetzgebung mit diesen Idealen zu konfrontieren.

Laut den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der europäischen regionalen Konsultationen - eine von mehreren Arbeitsgruppen mit Fachleuten, die sich im Vorfeld des diesjährigen Interreligiösen G20-Forums versammelten, um gezielte Empfehlungen zu guter Regierungsführung abzugeben - ist dies der Grund, warum Glaubensgemeinschaften und religiöse Führerinnen und Führer „sich weigern müssen, auch nur indirekt mit korrupten Regimen oder Praktiken im öffentlichen oder privaten Sektor zusammenzuarbeiten“. Stattdessen müssen sie daran arbeiten, den Fortschritt einer fairen, integrativen Politik zu fördern.

Wenn es um die gerechte Verteilung von Gütern und Ressourcen geht, trifft dies nach Ansicht von Fachleuten besonders zu. „Wohltätige Spenden waren schon immer ein zentrales Anliegen in vielen religiösen Lehren. 'Diejenigen mit' dürfen 'diejenigen ohne' nicht ohne Nahrung, Obdach oder Kleidung zurücklassen“, erklärt Paul Hedges, Professor für interreligiöse Studien an der S. Rajaratnam School of International Studies, NTU, Singapur, und Teilnehmer an den regionalen Konsultationen der G20 in Asien.

Kommunale Fürsorge und soziale Verantwortung

Die Ausweitung der kommunalen Fürsorge und sozialen Verantwortung ist in den letzten Monaten immer dringlicher geworden, da die Pandemie und die damit verbundenen Entbehrungen auf die Schwächsten in der Gesellschaft übergegriffen haben. Mit der Schließung von Unternehmen, Schulen, Gotteshäusern und - an einigen Orten - der völligen Einstellung des öffentlichen Lebens sind die Grundrechte einiger der ärmsten oder am stärksten ausgegrenzten Bürgerinnen und Bürger der Welt durch Maßnahmen zur Eindämmung des Virus bedroht worden. Glaubensgemeinschaften haben hier die Möglichkeit, ihre Stimme zu erheben.

„Während Menschenrechte ein neueres Anliegen sind und daher von den meisten Religionen nicht direkt angesprochen werden, ist die Menschenwürde in vielen Glaubensrichtungen ein wichtiges Anliegen. Ein Blick auf die traditionellen Lehren über die Achtung der Würde aller Menschen, einschließlich der Armen und Besitzlosen, kann eine Möglichkeit sein, wie religiöse Führungspersönlichkeiten den Diskurs über Menschenrechte fördern können“, so Hedges.

Dies gilt insbesondere für Lateinamerika. Das Gebiet, ist von „verschiedenen Graden politischer Instabilität und Gewalt geprägt. Das ist symptomatisch für eine anhaltende Krise der Repräsentation und unserer demokratischen Systeme“, so die Anwesenden bei den regionalen G20-Konsultationen.

Obwohl diese Themen tief in der kolonialen Geschichte der Region verwurzelt sind, wurden sie in jüngster Zeit durch das Aufkommen populistischer Bewegungen wieder angefacht, berichtete die Gruppe der Fachleute im vergangenen Monat.

„Solche Bewegungen könnten versuchen, Herrschaft über die Legislative, die Justiz und die Redefreiheit zu erzwingen, wobei sie Minderheiten und unabhängige Kontrollmechanismen kaum berücksichtigen und den Begriff der Demokratie verdrehen“, berichteten die Mitglieder der europäischen regionalen Konsultationen.

Wahrung der Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte

Um dem entgegenzuwirken, müssen Glaubensgemeinschaften den Bemühungen autoritärer Regime entgegentreten, den religiösen Diskurs zur Legitimierung ihrer Positionen zu nutzen. Sie müssen dabei für die Wahrung der Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte kämpfen.

Dies ist jedoch nicht immer einfach. In vielen Teilen der arabischen Region - einem Gebiet, das von Instabilität und Konflikten geprägt ist - sind religiöse Institutionen durch staatliche Behörden an den Rand gedrängt worden. Dadurch wurde ihre Fähigkeit zur Förderung guter Regierungsführung geschwächt. In der Tat beschränken sich Glaubensorganisationen allzu oft nur auf ihre traditionelle Rolle der religiösen Bildung, berichteten Fachleute bei den Konsultationen der G20 in der arabischen Region.

Dies zu korrigieren, erfordert ein Umdenken in der Art und Weise, wie Glaubensgemeinschaften mit staatlichen Akteurinnen und Akteuren kommunizieren. „Religionsführerinnen und -führer müssen ihre Diskurssprache vereinfachen und von komplexen Konzepten und theoretischen Ansätzen abweichen, um sicherzustellen, dass ihre Botschaft alle Gruppen und Segmente der Gesellschaft erreicht“, so das Expertengremium der arabischen Region.

In Afrika südlich der Sahara sind religiöse Institutionen optimistisch und dienen Vorbild für die Gesetzgebung. Die Nationen im Westen des afrikanischen Kontinents befinden sich in einer Nahrungsmittelkrise. Viele Millionen Menschen hungern. COVID-19 verschlimmert eine bereits verzweifelte Situation noch mehr. Daher beschloss die Bischofskonferenz von Senegal, Mauretanien, Kap Verde und Guinea-Bissau in diesem Jahr die Einrichtung eines eigenen, durch freiwillige Beiträge finanzierten, Nothilfefonds, um den Bedürftigen Nahrungsmittelhilfe zukommen zu lassen.

Diese Initiative und andere ähnliche geben denjenigen Hoffnung, die sich in tiefster Not befinden. Viele meinen jedoch, dass die internationale Gemeinschaft für einen dauerhaften, strukturellen Wandel das angehen muss, was dem endemischen Leiden der Entwicklungsländer zugrunde liegt: wirtschaftliche Schwäche.

Für Dr. Martin Pascal Tine, den senegalesischen Botschafter beim Heiligen Stuhl, sollte ein Schuldenerlass den Beginn eines Wandels markieren. Er meint, dass religiöse Führer dazu beitragen können, indem sie die Forderung nach „Gerechtigkeit und Gleichheit“ unterstützen.

„Dazu wäre es notwendig, eine ökumenische Lesart heiliger Texte zu fördern, die frei von jeglichem Fundamentalismus ist. Die Idee der menschlichen Geschwisterlichkeit soll in einer voneinander abhängigen Welt mehr betont werden“, so Tine.

Soziale und ökologische Ziele erreichen

Die Verbreitung des Coronavirus hat den Forderungen nach einem Schuldenerlass neue Dringlichkeit verliehen. Papst Franziskus bestand letzten Monat darauf, dass „Politik, Gesetzgebung und Investitionen auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein sollen und garantieren müssen, dass globale soziale und ökologische Ziele erreicht werden“.

Über den Punkt der Umweltpolitik meint Tine, dass Glaubensgemeinschaften eine treibende Kraft für gute Regierungsführung sein können. Afrikas Projekt „Große Grüne Mauer“, das auch interreligiös unterstützt wird, ist dafür ein Paradebeispiel.

Die von der Afrikanischen Union ins Leben gerufene Initiative zielt darauf ab, „100 Millionen Hektar des derzeit degradierten Landes wiederherzustellen, 250 Millionen Tonnen Kohlenstoff zu binden und 10 Millionen grüne Arbeitsplätze zu schaffen“. Dies geschieht in einer der ärmsten Regionen Afrikas, wie es in der Konvention der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Wüstenbildung heißt.

Tine meint, dass dies ein Paradebeispiel dafür ist, wie regionale religiöse Führerinnen und Führer sowie Institutionen dringend benötigte politische Maßnahmen unterstützen können, die sich auf grundlegende strukturelle Probleme wie Hunger und Arbeitslosigkeit konzentrieren.

„Die Große Grüne Mauer wird dazu beitragen, Ernährungssicherheit, Arbeitsplätze und ein angenehmes Umfeld für die Menschen von Senegal bis Dschibuti zu gewährleisten.“

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