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Die erste Ausgabe der Initiative Dialogue60 fokussierte sich auf die Bekämpfung von Hassrede

02 Jul 2021
Dr. Rania Al-Ayoubi will ihre Fähigkeiten und ihr Wissen mit Menschen aus verschiedenen Bereichen teilen

Als das Coronavirus im Jahr 2020 Jordanien erreichte, wusste Dr. Rania Al-Ayoubi, dass die Not und die Spannungen, die die Pandemie mit sich brachten, ein fruchtbares Umfeld für die Ausbreitung von Hass bilden würden, wenn nicht schnell und konstruktiv auf das Thema reagiert würde, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern.

Aus diesem Grund beschloss die ehemalige KAICIID Fellow, die nun auch Mitglied des Projekts „Sie für Dialog“ ist, ihre Fähigkeiten und ihr Wissen in den Bereichen Aufbau von Kapazitäten und kreatives Denken mit Menschen unterschiedlicher Herkunft zu teilen, damit sie zu „aktiven Bürgerinnen und Bürgern“ im Kampf gegen Hassrede werden können.

Al-Ayoubis Initiative Tangram, die in enger Zusammenarbeit mit dem jordanischen Bildungsministerium durchgeführt wurde, erreichte mit Spielen und Schulungen mindestens 3.000 Menschen, darunter Lehrkräfte, Vertreterinnen und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, religiöse Führerinnen und Führer sowie Kinder im Alter zwischen 7 und 12 Jahren. Nach Schätzungen der Organisatoren ist die tatsächliche Zahl der Menschen, die direkt und indirekt von dem Projekt profitiert haben, mindestens doppelt so hoch. Denn eines der Ziele bestand darin, Wissen und Kommunikationsfähigkeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufzubauen, damit sie auch außerhalb des Projekts Bewusstsein schaffen können.

Das Projekt von Al-Ayoubi war eine von 60 Initiativen, die im vergangenen Jahr im Rahmen des KAICIID-Förderprojekts #Dialogue60 umgesetzt wurden. Unter allen Vorschlägen konzentrierten sich 25 Initiativen auf die Bekämpfung von Hassrede und wurden in Ägypten, dem Libanon, Mauretanien, Marokko, Sudan und Tunesien durchgeführt.

Das Projekt #Dialogue60 soll im Jahr 2021 wiederholt werden. Es ist Teil des KAICIID-Programms für die arabische Region, das von der Interreligiösen Plattform für Dialog und Zusammenarbeit (IPDC) unterstützt wird. Es zielt darauf ab, Dialogvermittlerinnen und -vermittler in verschiedenen arabischen Ländern dabei zu unterstützen, sozialen Zusammenhalt zu stärken. Der Kampf gegen Hassrede ist eines der Hauptthemen, zusammen mit der Förderung des Dialogs für gemeinsame Bürgerschaft und der Mobilisierung interreligiöser Netzwerke für eine gemeinsame Vorgehensweise rund um das Coronavirus.

„Alles begann im Jahr 2019, als wir eine weltweite Konferenz über die Rolle von Religion, Medien und Politik bei der Bekämpfung von Hassrede organisierten“, erklärt Waseem Haddad, KAICIIDs Leitender Programm-Manager für die arabische Region.

„Auf unserer Plattform hatten wir verschiedene religiöse Führerinnen und Führer sowie Institutionen aus mehreren arabischen Ländern und wir wussten, wenn wir gemeinsam an der Förderung des friedlichen Zusammenlebens, der gemeinsamen Bürgerschaft und des Respekts gegenüber anderen in dieser Region arbeiten wollen, würde Hassrede ein großes Hindernis für unsere Ziele sein. Deshalb haben wir beschlossen, die Zivilgesellschaft, religiöse Institutionen, politische Entscheidungsträgerinnen und -träger sowie Aktivistinnen und Aktivisten in ihrem Kampf gegen Hassrede und deren Verhinderung zu unterstützen.“

Fokus auf Vielfalt

Samira Luka ist Direktorin für Dialog in der Koptischen Evangelischen Organisation für Soziale Dienste und Mitglied der Interreligiösen Plattform für Dialog und Zusammenarbeit (IPDC). Sie sieht Hassrede in der arabischen Welt als weit verbreitet. „Hassrede kann Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sozialen Herkunft treffen und natürlich auch aufgrund ihrer Religion.“

Hassrede, die sich gegen Menschen aufgrund ihres Glaubens richtet, ist laut Luka besonders schwer zu bekämpfen. Aus diesem Grund waren Dialogsitzungen, an denen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit unterschiedlichem religiösen und nationalen Hintergrund teilnahmen, entscheidend für den Erfolg der meisten auf Hassrede ausgerichteten Dialogue60-Projekte.

„Bei unserer Initiative haben wir den Fokus auf Vielfalt gelegt“, erklärt Al-Ayoubi. „Wir haben versucht, alle unterschiedlichen Komponenten im jordanischen Kontext abzudecken. Wir hatten muslimische und christliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer, genauso wie Menschen aus anderen Religionsgemeinschaften. Wir organisierten Schulungen in der Hauptstadt, aber auch in anderen Städten, um Dezentralisierung zu gewährleisten. Außerdem deckten wir eine Reihe verschiedener Nationalitäten ab.“

Im Irak gelang es einem anderen Projekt, das sich auf die Bekämpfung von Hassrede konzentrierte, Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus religiösen Minderheiten, die von Gewalt und Diskriminierung betroffen sind, einen sicheren Raum für Dialog und die Interaktion mit Mitgliedern anderer Gemeinschaften zu bieten.

Unter der Koordination des jesidischen Trainers für menschliche Entwicklung, Saher Merza Darwish, brachte die irakische Diversity Group 40 Menschen aus der jesidischen, christlichen und muslimischen Gemeinschaft zusammen, die sich in vier verschiedenen Städten trafen, um über Hassrede und falsche Vorstellungen über Religion zu diskutieren. 

Einige der Projekte #Dialogue60 wurden in lokalen Gemeinschaften durchgeführt, andere hatten eine größere Reichweite, wie das Projekt „Through Dialogue“. Es wurde von vier Freundinnen und Freunden aus Ägypten, Algerien, Libanon und Marokko ins Leben gerufen, die sechs Online-Dialogseminare mit Menschen aus Jordanien, dem Irak, dem Libanon, Palästina und Syrien organisierten.

Die Vier waren entschlossen, interreligiösen Dialog zu fördern und Hassrede zu bekämpfen, indem sie mit ihrer Freundschaft als gutes Beispiel vorrangehen. Der Gruppe mit christlichem als auch muslimischem Hintergrund gelang es außerdem, eine Serie bestehend aus sechs Videos zu produzieren, die sie auf YouTube teilten.

Laut Luka ist es wichtig, neue, moderne Mittel für den Kampf gegen Hassrede zu finden, um junge Leute einzubinden und die Reichweite von Aufklärungskampagnen zu vergrößern.



„Soft Power“ nutzen

 „Man muss die richtigen Wege finden, um verschiedene Bereiche effektiv zu erreichen“, meint Luka. „Manche Menschen nehmen gerne an Konferenzen und theologischen Diskussionen teil. Einige andere können mit ‚Soft Power‘ erreicht werden: Medien, Theater, Cartoons, sogar Lieder können eingesetzt werden. Sie können helfen, verschiedene Segmente der Gesellschaft und bestimmte Gruppen zu erreichen. Junge Menschen haben wenig Interesse daran, sich hinzusetzen und die ganze Zeit zuzuhören. Sie bevorzugen aktive Maßnahmen, die für sie eine Bereicherung darstellen.“

Online-Plattformen und soziale Medien gehören zu den effektivsten Werkzeugen, die eingesetzt werden können, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen. Ihre Wirksamkeit im Kampf gegen Hassrede liegt auch darin, dass sie oft zur Verbreitung von Hass genutzt werden.

„Diejenigen, die für die Verbreitung von Hassrede verantwortlich sind, nutzen die gleichen Werkzeuge wie diejenigen, die dagegen kämpfen“, führt Luka aus.

„Diese Mittel stehen zur Verfügung und sie sollten genutzt werden, um verschiedene Techniken umzusetzen und mehr Menschen zu erreichen. Die gleichen Waffen wie der ‚Feind‘ zu benutzen, wenn wir es so nennen wollen, kann sehr effektiv sein“, fügt sie hinzu.

Zwei junge Sozialunternehmerinnen im Libanon setzten Online-Kampagnen in einem Projekt ein, das darauf abzielte, Hassrede zu verhindern. Sie bekämpften Fake News in der Stadt Tripoli, im Norden des Landes.

Obeida Takriti und Nour Melli schulten 12 Jugendliche verschiedener religiöser Hintergründe und Nationalitäten im Umgang mit Medien und sozialem Zusammenhalt. Nach dem Training waren die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Lage, drei Online-Kampagnen zu starten.

„Du bist die Stadt“, zielte darauf ab, die gemeinsame Bürgerschaft zu stärken und aktives Handeln in der Gemeinschaft zu fördern. „Es gibt viele Arten von Hassrede und Diskriminierung in der Gesellschaft“, sagt Takriti. „Deshalb ging es in einer unserer Kampagnen um die Beziehung der Menschen zu ihrer Stadt. Viele Menschen, vor allem die älteren Generationen, denken, dass die Stadt ihnen gehört und geben jungen Menschen das Gefühl, nicht Teil der Gesellschaft zu sein und sie entweder weggehen oder in ihren eigenen kleinen Gruppen bleiben sollen. Das ist falsch und sorgt für Spannungen.“

Eine andere Kampagne namens „Sei mein Freund!“ konzentrierte sich auf die Festigung familiärer Werte und eröffnete einen Raum für Kommunikation zwischen Müttern und Töchtern. Die Aktion basiert auf dem Prinzip, dass Familienbande eine Rolle bei der Schaffung einer sicheren Gemeinschaft spielen, die frei von Hassrede ist.

„Es mag wie ein einfaches oder grundlegendes Thema erscheinen, aber wir glauben, dass es eines der wichtigsten Themen im Libanon ist, besonders in konservativeren Teilen der Gesellschaft“, erklärt Takriti.

Die dritte Kampagne zielte darauf ab, das Bewusstsein für Falschinformation zu schärfen. „Wir wollten das Bewusstsein dafür fördern, wie wichtig es ist, Nachrichten nicht für bare Münze zu nehmen, sondern stattdessen kritische Denkweisen zu entwickeln“, so Melli.

Der Aufbau von Kapazitäten war ein Hauptbestandteil des Projekts, da die teilnehmenden Personen lernten, unabhängig von den Organisatorinnen zu arbeiten und es sogar schafften, einen Workshop für 25 Mütter und Töchter durchzuführen.

„Wir geben diesen Leuten viel Verantwortung“, erzählt Takriti. „Wir leiten die Kampagnen nicht direkt. Sie sind verantwortlich für das Filmen und Produzieren der Inhalte und die Interaktion mit der Presse und der Gemeinschaft.“

Der Weg in die Zukunft

Haddad erklärt, dass die Bekämpfung von Hassrede auch in der nächsten Ausgabe der Initiative #Dialogue60 ein maßgebliches Thema sein wird.

„Etwa 30 bis 60 Prozent der neuen Vorschläge konzentrieren sich auf Hassrede und ihre Auswirkungen im religiösen Dialog, in den sozialen Medien und in den Nachrichten“, berichtet er.

„Dieses Jahr werden wir uns mehr darauf fokussieren, wie wir zivilgesellschaftliche Organisationen, religiöse Institutionen sowie politische Entscheidungsträgerinnen und -träger miteinander verbinden können. Wenn wir echte Veränderung sehen und in dieser Region etwas bewirken wollen, müssen wir Politikerinnen und Politiker sowie politische Institutionen einbinden.“

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