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Das Pedro-Arrupe-Integrationshaus in Serbien bietet unbegleiteten Flüchtlingskindern die Kindheit, die sie verdienen

28 April 2022
Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) betreibt in Belgrad das Pedro-Arrupe-Integrationshaus, in dem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut werden.

Serbien, das auf halbem Weg zwischen dem Nahen Osten und Westeuropa liegt, wurde von der „Flüchtlingskrise“ im Jahr 2015 hart getroffen. Auf der Flucht vor Krieg und andauernder wirtschaftlicher Unsicherheit kamen hunderttausende Flüchtlinge in dem Balkanland an. Die meisten hatten die serbische Hauptstadt Belgrad zum Ziel. Unter ihnen befanden sich tausende unbegleitete Kinder. Sie waren allein, schutzbedürftig und dringend auf spezielle Betreuung angewiesen.

Die serbischen Behörden setzten den Schutz dieser auf sich allein gestellten Jugendlichen ganz oben auf ihre Prioritätenliste. Doch unter dem Druck der sich zuspitzenden humanitären Notlage traten bald Lücken im System zutage.

„Unbegleitete Kinder wurden in Flüchtlingslagern und Aufnahmezentren zusammen mit Erwachsenen untergebracht, wo es schwieriger war, ihren besonderen Bedürfnissen gerecht zu werden“, erinnert sich Jelena Đurđević, eine damalige staatliche Sozialarbeiterin.

Die Minderjährigen waren vor den Schrecken des Krieges in Syrien, Afghanistan oder dem Irak geflohen. Einige hatten den Tod ihrer Eltern miterlebt. Viele der Kinder, die in Osteuropa ankamen, litten unter einem schweren psychischen Trauma. Hinzu kamen große sprachliche, kulturelle und soziale Herausforderungen. Es war klar, dass mehr getan werden musste, um die minderjährigen Migrantinnen und Migranten in Serbien vor Schaden und Ausbeutung zu schützen.

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) in Serbien entschied, dass die Antwort in einer speziell konzipierten Unterkunft liegen sollte, in der unbegleitete Kinder rund um die Uhr betreut werden – einem „Integrationshaus“.

„Das Pedro-Arrupe-Integrationshaus wurde im Jahr 2017 eröffnet, um gefährdete Flüchtlingsbuben zu unterstützen“, erklärt Đurđević, die jetzt als Koordinatorin des Hauses tätig ist. „Diese Unterstützung beschränkt sich nicht nur auf ihre unmittelbaren physischen und psychischen Probleme, sondern auch auf ihre längerfristigen Bedürfnisse, wie die Integration in eine neue Gesellschaft und die Möglichkeit, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.“

Mehr als nur ein Dach über dem Kopf

Trotz der faktischen Schließung der sogenannten „Balkanroute“ Anfang 2016 kommt auch heute noch ein stetiger Strom von Flüchtlingen in Serbien an. In den letzten sieben Jahren haben mehr als eine Million Menschen das Land durchquert, von denen sich zu jedem Zeitpunkt etwa 7.000 gleichzeitig im Land aufhalten. Dazu zählen auch unbegleitete Kinder, die nach wie vor im Freien schlafen und ständig von Schleppern bedroht werden. Aus diesem Grund ist die Arbeit des Integrationshauses so wichtig.

 

Wenn die Kinder in Serbien ankommen – einem Land mit einem mäßigen Sozialnetz – stoßen sie oft auf Hindernisse beim Zugang zu staatlicher Unterstützung, erklärt Đurđević. Einfache Dinge, wie der Erhalt einer Busfahrkarte, können für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eine Herausforderung sein. Komplexere Leistungen wie psychologische Betreuung, Rechtsvertretung und Schulbildung sind fast unmöglich allein zu bewältigen.

„Wenn ein Kind bei uns ankommt, versorgen wir es mit Nahrung, Unterkunft, Kleidung und medizinischer Betreuung, aber das ist nur der Anfang“, berichtet Đurđević. „Wir arbeiten mit Psychologinnen, auf Einwanderung spezialisierten Anwälten und anderen Fachleuten zusammen, um sicherzustellen, dass die anspruchsvolleren Bedürfnisse der Jungen erfüllt werden.“

Bildung spielt dabei eine große Rolle. Nach serbischem Recht haben Flüchtlings- und Migrantenkinder Anspruch auf das gleiche Maß an Schulbildung wie Staatsbürgerinnen und Staatsbürger. Doch ohne Unterstützung und Anleitung sehen nur wenige jemals ein Klassenzimmer von innen. Das Integrationshaus arbeitet hart daran, diese Situation zu verbessern, indem es alle Kinder, die länger als einen Monat in der Einrichtung bleiben, in der örtlichen Schule anmeldet.

Interkultureller und interreligiöser Dialog

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Kinder Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung haben. Es bleibt aber auch genügend Zeit für Spaß und Entspannung im Pedro Arrupe. Đurđević und ihre Kolleginnen und Kollegen bemühen sich, in dem Haus, das in den letzten fünf Jahren mehr als einhundert Kindern Zuflucht geboten hat, eine beruhigende, familienähnliche Umgebung zu schaffen.

Das Zentrum beherbergt immer etwa fünfzehn Jungen zur selben Zeit. Die meisten von ihnen kommen aus dem Nahen Osten und sind muslimischen Glaubens. Daher ist es wichtig, dass das Team über gute interkulturelle und interreligiöse Fähigkeiten verfügt, sagt Đurđević.

„Viele der Kinder haben noch nie eine nicht-muslimische Person getroffen. Viele von ihnen kommen aus ländlichen Gebieten, die sehr religiös sind. Sie haben oft Angst, dass Menschen in einem neuen Land versuchen könnten, sie dazu zu bringen, ihren Glauben zu ändern.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses versichern ihnen, dass dies nicht passieren wird. Sie ermutigen die Kinder, Vielfalt zu schätzen und zu verstehen, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Glauben gleich sind. Ein Übersetzer und Vermittler aus Afghanistan hilft, die kulturelle Kluft zu überbrücken, während Đurđević und ihr Team zeigen wollen, dass der Dialog in beide Richtungen gehen muss.

„Wir feiern das Opferfest und andere islamische Feiertage und ermutigen die Jungen, uns von ihren Traditionen und Bräuchen zu erzählen. Wir haben festgestellt, dass sie wirklich daran interessiert sind, etwas über unsere Bräuche zu erfahren, zum Beispiel warum wir zu Ostern Eier bemalen“, so Đurđević.

Um die kulturellen Barrieren weiter abzubauen, unternehmen die Jugendlichen Wanderungen, Picknicks und Ausflüge an den Fluss mit Kindern aus der Umgebung und verbringen lange Sommertage mit Fußball- und Tennisspielen in dem ruhigen Belgrader Vorort, in dem das Haus liegt.   

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Eine gemeinsame Anstrengung

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst stimmt seine Arbeit eng mit serbischen Behörden und lokalen zivilgesellschaftlichen Organisationen ab und ist Teil der Arbeitsgruppe für Kinderschutz der Regierung, die die Entwicklung der Politik mitbestimmt. Die Organisation spielt auch eine zentrale Rolle bei der Zusammenführung von unbegleiteten Kindern mit ihren Familien

Doch Đurđević räumt ein, dass es nach wie vor schwierig ist, staatliche Gelder zu erhalten. Der Großteil der Finanzierung des Hauses stammt aus Mitteln der Europäischen Union. Der JRS erhält auch Unterstützung von Organisationen wie dem UNHCR. Als Mitglied des von KAICIID geförderten Netzwerks für Dialog haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von einer individuell zugeschnittenen Ausbildung in der Kunst des interreligiösen und interkulturellen Dialogs profitiert.

Eine normale Kindheit

Die Leidenschaft und das Engagement von Đurđevićs Team wurden kürzlich belohnt, als zwei ihrer Schützlinge zum Studium an der Universität Belgrad zugelassen wurden.

Weder Sami Rasouli noch Reza Sharifi, beide aus dem Nahen Osten, sprachen ein Wort Serbisch, als sie vor einigen Jahren in das Integrationshaus kamen. Mit der Unterstützung und Ermutigung der JRS-Mitarbeiter lernten sie eifrig, um ihre sprachlichen, akademischen und künstlerischen Fähigkeiten zu entwickeln.

Der im Iran geborene Rasouli spezialisiert sich jetzt an der Fakultät für Angewandte Kunst auf Modedesign. Sharifi, ursprünglich aus Afghanistan, strebt eine Karriere in der Malerei an. Bedauerlicherweise sind die Leistungen der beiden eine Seltenheit für Menschen mit Fluchterfahrung. Nur drei Prozent von ihnen schaffen es an eine Hochschule.

Die Leistungen der beiden jungen Männer sind zweifellos beeindruckend. Doch für Đurđević sind es die einfachen, alltäglichen Ereignisse im Haus, die ihr am meisten Freude bereiten.

„Wenn eines der Kinder schlechte Noten bekommt oder sich mit seiner Freundin streitet, muss ich lächeln, denn das sind ganz normale alltägliche Dinge“, sagt sie. „Mehr als alles andere ist es das, was wir diesen Jungen bieten wollen: eine normale Kindheit.“

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