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Alternativen zur Kriminalität für Jugendliche in Nigeria

26 Feb 2021

„Am Tag des Angriffs herrschte Chaos“, sagt John Dada. „Die Angreifer begannen zu schießen, als sie in die Gemeinde kamen. Die im Ort verbliebenen Menschen rannten um ihr Leben.“

Dada ist pensionierter Krankenpfleger und hat im Rahmen seines Projekts in Kafanchan im südlichen Bundesstaat Kaduna einen finanziellen Zuschuss von KAICIID erhalten. Er kümmerte sich um ältere Menschen als seine Gemeinde am 12. August 2020 von einer Bande bestehend aus Räubern und Hirten angegriffen wurde.

„Ich entschied mich, zu bleiben und mich um meine Patientinnen und Patienten zu kümmern, ich konnte sie nicht im Stich lassen. Ich traf die Entscheidung nicht aus Tapferkeit, es war eher eine berufliche Verpflichtung.“

Laut Dada ist seine Gemeinde, die einst in Frieden lebte, heute von Konflikten geplagt. Territoriale Streitigkeiten wurden durch Kämpfe um Ressourcen, politische Manipulation, Kriminalität und Jugendarbeitslosigkeit verschärft, was zu ethnischen und religiösen Spaltungen führte. Organisiertes Verbrechen, Diebstahl von Eigentum und Vieh sowie Entführungen stehen an der Tagesordnung.

Dadas Gemeinde liegt im Zentrum von Nigeria, zwischen dem überwiegend muslimischen Norden und dem christlich dominierten Süden. Die Region ist zum Schauplatz von Konflikten zwischen muslimischen Fulani-Hirtennomaden und christlichen Bauern geworden. Die Spannungen haben zugenommen, da vormals offenes Weideland zunehmend von Infrastruktur wie Eisenbahnen, Straßen und Stadterweiterungen dominiert wird, die Nigerias schnellem Wachstum geschuldet sind.

KAICIID unterstützte im Jahr 2020 vier Initiativen in Süd-Kaduna. Eine davon ist Dadas Projekt, das aus Beratungen mit angesehenen Gemeindevorsitzenden besteht. Dabei handelt es sich um christliche und muslimische Vertreter mit dem Ziel, eine interreligiöse Lösung für den Kreislauf der Gewalt in der Gemeinde zu finden.

Der Bundesstaat Kaduna liegt im Zentrum Nigerias.

„Wir leben seit Generationen mit den Fulani zusammen, das geht über 100 Jahre zurück. Aber die Gemeinschaften haben ihre alten Methoden der Konfliktlösung aufgegeben“, so Dada. „Alles, was wir tun können, ist, nach kurzfristigen Maßnahmen zu suchen, denn die endgültigen Lösungen müssen von der Regierung kommen. Aber auf unserer Ebene können wir beruhigen und die Leute bitten, geduldig zu sein.“

Zu Beginn der Coronavirus-Pandemie versuchte Dada auf Drängen der Gemeinschaft, junge Menschen einzubinden. Er schloss sich mit der Jema'a Community Development Charter, einer interreligiösen Jugendgruppe, zusammen, um bei der Überwachung des Gesundheitszustands und der Betreuung älterer und gefährdeter Menschen zu helfen sowie die Sicherheit und das Bewusstsein für COVID-19 und das Contact Tracing zu fördern.

Diese Gruppe junger Menschen spielte auch eine wichtige Rolle beim Schutz des Dorfes und bei der Verhinderung weiterer Gewalt während des Angriffs im August. Als sie von dem bevorstehenden Angriff erfuhren, brachten die Mitglieder so viele Menschen wie möglich in Sicherheit und kümmerten sich um Ältere und Schwache, indem sie Schutzkorridore mit Sandsäcken errichteten. Sie versuchten auch, die Angreifer abzuschrecken und ahnungslose Reisende zu warnen.

Sicherheitsprobleme in Nigeria

Im Jahr 2020 nahmen Angriffe und Entführungen deutlich zu.  Nach Angaben der UNO gab es letztes Jahr 7.800 konfliktbedingte Todesopfer im Vergleich zu 5.400 im Jahr 2019. Ein großer Teil dieser Todesfälle ereignete sich in Borno, Zamafra und Kaduna.

Laut KAICIID-Länderexperte Joseph Atang sind die Angriffe und Entführungen aus ökonomischer Verzweiflung und dem Begehr organisierter krimineller Netzwerke entstanden, die sich finanzielle Vorteile erhoffen. Die Taten werden von jungen Menschen ausgeführt, die, der Mittel zur wirtschaftlichen Selbstversorgung beraubt, manipuliert werden und Zugang zu geschmuggelten Waffen erhalten.

„Die Banditen töten Menschen, überfallen Dörfer und brennen Siedlungen nieder. Sie entführen Menschen und bekommen hunderte Millionen als Lösegeld. Die Menschen sind hungrig, sie müssen irgendwie zu Geld kommen, denn es gibt keine Arbeit“, so Atang.

Der Konflikt hat auch zu einer Zunahme von Binnenflüchtlingen geführt, überwiegend Frauen und junge Menschen.

Ein Lager für Binnenflüchtlinge im Federal Capital Territory. Ein beträchtlicher Teil der Binnenflüchtlinge sind Jugendliche

In Nigeria gibt es mehr als 2,5 Millionen Binnenflüchtlinge, überwiegend Frauen und Jugendliche, die von geschlechtsspezifischer Gewalt, Drogenmissbrauch, Hunger und Kriminalität bedroht sind. Es herrscht ein akuter Mangel an Unterkünften für die Vertriebenen, die keinen Zugang zu angemessenen sanitären Einrichtungen haben und daher einem höheren Risiko für eine Infektion mit dem Coronavirus und durch Wasser übertragene Krankheiten ausgesetzt sind.

Frühwarnmechanismen und Aufbau wirtschaftlicher Möglichkeiten

In den vergangenen sechs Monaten hat es keine Angriffe mehr auf Kafanchan gegeben.

„Nicht, weil es keine Versuche gegeben hätte. Aber die Gemeinden haben mehr Bewusstsein entwickelt und können diese verschiedenen Angriffe abwehren. Die Gemeinden sorgen für ihre eigene Sicherheit, indem sie ihre jungen Männer dazu bringen, aufmerksamer zu sein, seltsame Bewegungen zu melden usw.“, so Dada.

Indem junge Menschen in das Frühwarnsystem eingebunden werden, können diese nicht nur die Gemeinschaft schützen. Sie sehen auch wieder einen Sinn in ihrem Dasein und bekommen ein Gehalt in einem ansonsten wenig aussichtsreichen Arbeitsmarkt.

„Wir suchen nach Wegen, um die lokalen Beschäftigungsmöglichkeiten für Jugendliche verbessern zu können“, erzählt Dada. „Es ist wichtig, ein passendes Umfeld für Jugendliche zu schaffen, damit sie etwas verdienen und ihre Grundbedürfnisse decken können.“

Dadas nächste Mission ist es, Chancen für Frauen zu schaffen, die in seiner Gemeinde oft marginalisiert werden. Finanzielle Hilfe für Start-Ups und die Einbeziehung in den friedensstiftenden Prozess sollen dabei helfen.

„Wenn sich Männer um die Planung kümmern, werden Frauen nicht eingeladen, aber die Folgen (der Gewalt) werden direkt von den Frauen getragen. Wir versuchen also, Frauen dazu zu bringen, darauf zu bestehen, Teil jedes friedensstiftenden Prozesses in ihren Gemeinden zu sein, damit ihre Stimmen von Anfang an gehört werden.“

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