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„Wir leben, was wir predigen“: Vier Freunde als Beispiel für interreligiösen Dialog in der arabischen Welt

04 Mai 2021

Yassine Noui und Mina Atta Boustorous ahnten bei ihrem ersten Treffen vor drei Jahren im Libanon nicht, dass sie als zwei von vier engen Freundinnen und Freunden zu einem erfolgreichen Beispiel für interreligiösen Dialog für andere Jugendliche in der arabischen Welt werden würden.

Noui und Boustorous, ein algerischer Doktorand der Islamwissenschaften und ein Student der Theologischen Universität in Kairo, heute 37 bzw. 27 Jahre alt, nahmen an einem vom KAICIID organisierten Training für interreligiösen Dialog teil und waren ein Jahr später beim Jugendforum des Internationalen Dialogzentrums in Jordanien dabei.

„Dort haben wir die beiden kennengelernt“, erinnert sich Katie Nassar, eine 33-jährige libanesische Doktorandin in islamisch-christlichen Studien, die zusammen mit ihrer marokkanischen Kollegin Zeinab Benabdelkrim-Filali, einer 27-jährigen Doktorandin der Philosophie, die auch Pfadfinderin ist, am Jugendforum teilnahm.

„Unsere Freundschaft wurde trotz der Entfernung und religiöser Unterschiede immer stärker und wir erkannten, dass andere junge Menschen in der arabischen Welt und anderswo von unseren Erfahrungen profitieren können“, berichtet Nassar.

„Wir bemerkten den großen Bedarf an der Stärkung interreligiösen Dialogs. Deshalb haben wir unser Projekt ins Leben gerufen.“

„Through Dialogue“ ist eines der 60 Projekte, die KAICIID im Rahmen seines Programms „Dialogue 60“ im Jahr 2020 unterstützt hat. Dabei handelte es sich um finanzielle Zuschüsse für Initiativen, die interreligiösen Dialog und die Zusammenarbeit in der arabischen Welt fördern.

Sechs virtuelle Dialogseminare mit Sprecherinnen und Sprechern aus Jordanien, Irak, Libanon, Palästina und Syrien bildeten den Hauptteil des Projekts, das auch die Produktion von sechs Kurzvideos umfasste.

„Wir wollten beweisen, dass es durchaus möglich ist, über Unterschiede hinweg starke Beziehungen aufzubauen“, erklärt Nassar. „Ich bin libanesisch-maronitische Katholikin und Zeinab ist marokkanische sunnitische Muslimin, aber ich bin ihr näher als vielen meiner christlichen Freundinnen zu Hause.“

 

eine erfolgsgeschichte

Die internationale und interreligiöse Gruppe produzierte auch mehrere animierte Videos, die den Unterschied zwischen Dialog und Debatte erklären sollen.

„Die erste der vier Episoden, die wir bereits produziert haben, handelt eigentlich von unserer Freundschaft“, so Boustorous, der die Videos in ägyptischem Arabisch entworfen hat.

„Wir sind wie Brüder und Schwestern und unglaublich glücklich über unsere Zusammenarbeit. Wir wissen, dass unsere Geschichte ein Erfolg ist, und haben das Bedürfnis, diese schöne Erfahrung zu teilen.“

Die vier Freundinnen und Freunde konnten mit ihrem Projekt bereits 60.000 Menschen über Webinare, Videos und Beiträge in den sozialen Medien Facebook, Twitter, Instagram und YouTube erreichen.

„Wir waren sehr überrascht von der Wirkung, die unsere Initiative hatte“, sagt Nassar. „Deshalb haben wir uns entschlossen, eine Nachfolgeveranstaltung mit weiteren Online-Seminaren und Videos zu organisieren. Wir sehen Bedarf dafür und arbeiten an einer Fortsetzung.“

Laut Nassar, die bereits Erfahrung in der Leitung von Projekten in sozialen Medien hat, war die Initiative ursprünglich nicht als Online-Seminar geplant.

„Ende 2019 hatten wir eine ganz andere Vorstellung von unserer Initiative. Doch dann kam die Coronavirus-Pandemie und wir mussten unsere Pläne an all die Reise- und Versammlungsbeschränkungen anpassen, also entschieden wir uns, soziale Medien zu nutzen.“

Laut Noui waren die Vier unter den Umständen der globalen Krise zwar gezwungen, sich auf soziale Medien zu fokussieren, sahen darin aber eine unerwartet fruchtbare Option für ihre Arbeit.

 

frieden fördern

Noui war von Anfang an überzeugt, dass seine Freundschaft mit Boustorous anderen Menschen als gutes Beispiel dienen könnte.

„Ich bin praktizierender Muslim und Mina ist praktizierender Christ. Das war nie ein Hindernis für unsere Freundschaft“, versichert er.

Doch Noui weiß, dass interreligiöse Freundschaften einigen Menschen in der Region kontrovers erscheinen.

„Es gibt eine dogmatische Mentalität, die wir ändern müssen. Es ist nötig, eine Kultur des Dialogs für unser friedliches Zusammenleben zu fördern. Das spiegelt auch den Willen Gottes wider: Der Koran sagt, dass die Menschen unterschiedlich geschaffen wurden, damit sie interagieren und für den Frieden zusammenarbeiten können“, so Noui.

Diese Aufgabe kann jedoch in einer eher konservativen religiösen Umgebung sehr herausfordernd sein.

„Es ist schwierig, interreligiösen Dialog oder dessen Fehlen, in der arabischen Welt zu thematisieren“, berichtet Nassar.

„An manchen Orten ist es ein Tabu. Wo ich herkomme, kann man darüber reden und zum Beispiel Ostern feiern, ohne dass sich jemand daran stört. Das ist nicht überall so.“

Nassars Heimatland, der Libanon, erlebte zwischen 1975 und 1990 einen Bürgerkrieg, der zahlreiche Todesopfer und Vertreibungen zur Folge hatte.

„Ich wurde im Libanon in einen Bürgerkrieg hineingeboren. Das nahe gelegene Syrien ist immer noch in einer ähnlichen Situation. Der Irak leidet weiterhin unter den Folgen des Kriegs. Das ist es, was fehlender Dialog hervorbringt: Krieg, Terrorgruppen wie der Islamische Staat – das betrifft nicht nur die arabische Welt. Es passiert auch in Europa und anderswo, so dass eigentlich alle Länder von unserem Beispiel profitieren können.“

Laut Boustorous sind Unwissenheit und falsche Vorstellungen, die aus einem Mangel an Dialog resultieren, eine der Hauptursachen für Kriege und Gewalt in der arabischen Welt.

„Wir können interreligiösen Dialog nutzen, um Frieden in unsere Region zu bringen“, meint er. „Religion sollte der Menschheit dienen, indem sie Frieden fördert. Die Menschen sollten sich nicht bekriegen, um der Religion zu dienen.“

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