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ONZE VERHALEN

„Wien ist stärker als der Hass“: Gemeinschafts- und Religionsführer stehen nach Terroranschlag zusammen

Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Wiener Religionsgemeinschaften führten in aller Stille Gemeindemitglieder, Politikerinnen und Politiker sowie Journalistinnen und Journalisten durch die verwinkelten Kopfsteinpflastergassen der Innenstadt. Es war ein gemeinsamer Marsch gegen den Hass, nach dem Terroranschlag, der vergangene Woche verübt wurde.

Nur drei Tage zuvor, am 2. November, hallten in denselben Straßen vor dem Stadttempel, der Wiener Hauptsynagoge, Schüsse in der Luft, als der Schütze sich seinen Weg durch das historische Stadtzentrum bahnte. 

Der Angriff, bei dem vier Menschen getötet und siebzehn verletzt wurden, wird einem IS-Sympathisanten zugeschrieben. Die Gewalt hat die Stadt in Schockstarre versetzt. Wien wurde wiederholt zu einer der lebenswertesten und sichersten Städte der Welt gewählt. Momentan kämpft es mit steigenden COVID-19-Zahlen.

Als Imam Tarafa Baghajati die Nachricht von einem Schussangriff erhielt, rief er verängstigt seinen Freund und Kollegen, Rabbi Schlomo Hofmeister, an.

Beide Männer sind im von KAICIID unterstützten Muslim-Jewish Leadership Council (MJLC) tätig, der sich dafür einsetzt, Gewalttaten und Hass zu verhindern, insbesondere solche, die sich gegen die jüdischen und muslimischen Gemeinden Europas richten.

„Am Anfang, als wir von dem Angriff hörten, war meine erste Sorge Rabbi Schlomo“, so Baghajati. „Er war der erste, den ich anrief. Er sah den Angreifer sogar von seinem Fenster aus. Er wohnt direkt an dieser Straße.“

Obwohl unklar bleibt, ob es sich bei dem Angriff um einen Akt von Antisemitismus handelte, war es Rabbi Hofmeister, der die Idee für den Gedenkmarsch hatte. Er versammelte rasch einige der prominentesten religiösen Führerinnen und Führer der Stadt, darunter Baghajati, Kardinal Christoph Schönborn, Präsident der IGGÖ Ümit Vural , den orthodoxen Metropoliten Arsenios (Kardamakis) und den evangelisch-lutherischen Bischof Michael Chalupka.

„Wenn Hass, Gewalt und Hassrede im Namen der Religion ausgeübt werden, müssen wir die Ersten sein, die sich dagegenstellen, sie verurteilen und deutlich machen, dass es so etwas nicht gibt,“ meint Hofmeister vor Journalistinnen und Journalisten bei dem Marsch. „Es gibt keinen Hass und keine Gewalt im Namen Gottes.“

Die Route des Gedenkmarsches folgte dem Weg des Schützen - vom Hohen Markt, über die Jerusalem-Stiege und schließlich zum Schwedenplatz. Auf dem Weg dorthin gab es sichtbare Erinnerungen an den Anschlag. Einschusslöcher in den Wänden von Restaurants. Umgestürzte Stühle und Tische, als Wiens Bürgerinnen und Bürger in Deckung gingen. Vertrocknete Blutflecken auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen.

Whitney Gerdes von der Internationalen Flüchtlingsvereinigung traf auf den interreligiösen Marsch, als sie durch die Stadt ging und ihre eigenen Gebete darbrachte.

„Ich beschloss, zu den Tatorten zu gehen und für die Opfer zu beten, für den Frieden Gottes an diesem Ort und dort, wo Angst herrschte, für Gnade und Liebe.“

Sie schloss sich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Marsches vor einer großen Gedenkstätte auf dem Desider-Friedmann-Platz an, wo religiöse Führungspersönlichkeiten Kerzen anzündeten und Blumen niederlegten.

Gerdes schöpfte Mut, als sie sah, dass die religiösen Führungspersönlichkeiten der Stadt zusammenkommen und versprachen, antimuslimischen oder migrationsfeindlichen Gefühlen nicht nachzugeben. „Man hatte das Gefühl, dass wir vereint bleiben wollen.“

Pater Andreas Kaiser, Pfarrer in Ober St. Veit, sagte, er habe von seinen Gemeindemitgliedern, von denen sich viele am vergangenen Montag in der Nähe des Angriffsortes aufhielten, Geschichten über menschliche Gesten und gemeinschaftlicher Unterstützung gehört. „All das entspringt der tiefen religiösen Überzeugung der christlichen Nächstenliebe, dass Liebe stärker ist als der Tod. Auf diese Weise manifestiert sich der Glaube, auch wenn viele sich dessen vielleicht nicht bewusst sind.“

Diesem Gefühl wurde während eines interreligiösen Gedenkgottesdienstes im Stephansdom, der am Tag nach dem Attentat stattfand, Ausdruck verliehen. Im Dom waren prominente Mitglieder der Wiener buddhistischen, christlichen, jüdischen, muslimischen und Sikh-Gemeinden anwesend. Trotz physischer Distanz bildeten sie eine Kette der Solidarität.

In der vergangenen Woche wurden interreligiöse Initiativen wie der Marsch und der Gottesdienst im Stephansdom in der ganzen Stadt abgehalten. Laut Hofmeister ist dies darauf zurückzuführen, dass der Angriff gegen das friedliche Zusammenleben in der Stadt gerichtet war und nicht auf eine Religion abzielte oder einer Religion entsprang. „Dies war ein Angriff auf Wien. Auf uns alle.“

„Das sind nicht nur leere Worte“, fügte Baghajati hinzu. „Was am Montag geschah, zeigt uns, dass die Art der interreligiösen Arbeit, die wir leisten, nicht nur etwas ist, das auf Konferenzen, für Hochglanzpublikationen oder für Dialogsitzungen geschieht. Wir müssen den interreligiösen Dialog in Schulen und auf der Straße 'leben'.“

Vor einigen Tagen unternahm Pater Kaiser seinen eigenen Gedenk-Spaziergang durch die Straßen, in denen der Angriff stattfand. Ehrfurchtsvoll zündete er an einem der Tatorte eine Kerze an und sah zu, wie andere dasselbe taten.

„Kerzen sind in so gut wie jeder Religion ein Symbol für das Gebet“, erklärt er. „Es sind nicht nur religiöse Menschen, die Kerzen anzünden. Auch Menschen, die keinem bestimmten religiösen Glauben angehören, tun dies, denn tief in jedem Menschen steckt in gewisser Weise ein Sinn für das Religiöse oder Spirituelle.“

In diesem Viertel der Stadt, das für seine Bars und Restaurants bekannt ist, ist eine heilige, feierliche Stille eingezogen. Für einen Augenblick steht die Welt hier still.

Aber sie ist nicht völlig still.

Inmitten der Trauer finden sich Symbole, die Bände über die Widerstandsfähigkeit und Stärke der Gemeinschaft sprechen. Auf behelfsmäßigen Gedenkstätten sind Schilder angebracht, die erklären, dass „Wien stärker ist als Hass“ und „Unsere Religion ist die Liebe“. Religiöse Führerinnen und Führer bringen leise Gebete und sanfte Worte des Trostes aus heiligen Texten dar. Junge Menschen stecken Blumen in Einschusslöcher.

Das sind Zeugnisse einer Stadt, die sich nicht durch Hass spalten oder definieren lässt. Solidarität und Hoffnung sind hier souverän.

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